Mascherano + 10

17.06.2010 - Der Kapitän der Albiceleste im Porträt

Mit der heutigen Partie Argentinien gegen Südkorea erfolgt Akt Nummer Zwei der großen Messi-Show. Doch heute werden vor allem die Qualitäten eines Mannes gefragt sein: Kapitän Javier Mascherano.

von Christian Piarowski

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Mit der heutigen Partie Argentinien gegen Südkorea erfolgt Akt Nummer Zwei der großen Lionel Messi-Show. Doch anders als gegen die statisch spielenden Nigerianer werden auf Seiten der Gauchos gegen die quirligen, offensivfreudigen Südkoreaner auch die Qualitäten eines Mannes gefragt sein, dem im Starensemble der Argentinier bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde – die von Mannschaftskapitän Javier Alejandro Mascherano.

 

Marcelo Bielsa ließ Mascherano bereits 2003 in der Nationalmannschaft debütieren, da fehlten noch eineinhalb Monate bevor der damals 19-Jährige bei River Plate sein erstes Spiel als Profi absolvierte. Seitdem gehört Mascherano zum festen Inventar der Albiceleste. Dennoch zeigten sich nicht wenige Experten überrascht, als Diego Armando Maradona in seiner ersten Amtshandlung als Nationaltrainer den 1,75 Meter großen, defensiven Mittelfeldspieler mit der Kapitänsbinde ausstatte. Gleiches galt für den Betroffenen, der diese hohe Bürde anfangs schlicht ablehnen wollte. »Ich fühlte mich nicht berufen, bat Diego seine Entscheidung zu überdenken, da ich mich nicht als Führungsspieler sah und andere Mannschaftskollegen weitaus besser für diese Aufgabe prädestiniert waren.« Doch Maradona setzte, wie immer, seinen Dickkopf durch und so ist es in Südafrika der bei Liverpool unter Vertrag stehende Mascherano, der bei der WM die argentinische Auswahl auf den Platz führt.

 

Erst Nationalspieler, dann Profi

 

Wer damals erwartet hatte, dass Mascherano, dessen Spitzname »el jefecito« (Der kleine Boss) lautet, an dieser Aufgabe zerbrechen könnte, musste sich bald eines Besseren belehren lassen. Profispieler zu sein bedeutet für ihn, sich ständig zu hinterfragen und zu verbessern. »Wenn ich morgens aufstehe, weiß ich, dass ich mich sehr anstrengen muss, um noch ein wenig besser zu werden.«

 

Und mit dieser Einstellung nahm Mascherano die Kapitänsbürde schließlich an und wuchs mit ihr. Seine Meinung wird von den Mannschaftskameraden respektiert. Er ist der Vermittler zwischen Spielern und Trainerstab. Eine Aufgabe, die ihm nach eigenen Aussagen allerdings auch nicht schwer gemacht wird, da Maradona nah am Team ist und viel mit den Spielern redet. Doch mehr noch als durch die selbstbewusste und zugleich ruhige Art, mit der er die Rolle des Mannschaftssprechers ausfüllt, ist sein Status als Kapitän unumstritten durch den großen Stellenwert für das Team auf dem Platz. Er ist einer derjenigen Spieler, die nur selten ausgewechselt werden, da sie bis zur letzten Minute gebraucht werden. Bereits bei der WM 2006 bestritt er die gesamte Spielzeit, die die Albiceleste bis zum Aus absolvierte. Mascherano ist trotz seiner gerade einmal 26 Jahre der große Rückhalt, gibt als Nummer Fünf der Defensive die nötige Sicherheit und Stabilität, so dass sich die Offensive ganz auf ihre Aufgaben konzentrieren kann.

 

Der kleine Boss

 

Als »el Un-Dos de Mascherano« (das Eins!-Zwei!) wird seine Fähigkeit bezeichnet, den Ball zu erobern, augenblicklich auf Angriff umzuschalten und mit einem präzisen Pass den eigenen Spielaufbau einzuleiten. Dabei profitiert Mascherano von einer außergewöhnlich hohen Spielintelligenz und Antizipationsfähigkeit. Wann immer der Gegner einen gefährlichen Angriff aufbaut – Mascherano steht bereits an der Schnittstelle, bereit, den gegnerischen Sturmlauf abzubremsen. Er leistet sich dabei nur wenige Fehler, wie etwa beim Qualifikationsspiel gegen Peru als er den Ausgleich verschuldete, der den Argentiniern beinah die WM-Teilnahme gekostet hätte.

 

Ein weiteres Merkmal des Goldmedaillengewinners von 2004 und 2008 ist seine große Laufbereitschaft. Mascherano wirkt omnipräsent. Wer sich den Spaß macht, die Laufwege des Kapitäns nachzuzeichnen, der wird am Ende ein Papier vorfinden, auf dem die ganze Fläche zwischen beiden Strafräumen ausgefüllt ist. So wie im Werbespot einer italienischen Autofirma, in dem die erstaunliche Kondition und die bis zur letzten Minute hohe Laufkraft dadurch erklärt wird, dass er einen Motor in sich trägt.

 

Diego: Mascherano und zehn Andere

 

Was für die argentinische Offensive Messi ist, das ist Mascherano für die Defensivabteilung. Kein Wunder also, dass der bei Liverpool geschasste Trainer Rafa Benitez den argentinischen Kapitän am liebsten mit zu Inter Mailand nehmen möchte. Er mag auf die Qualitäten seines Staubsaugers nicht verzichten. Genausowenig wie Maradona, der bereits vor seinem Amtsantritt erklärte: »Die Seleccion besteht für mich aus Mascherano und zehn Anderen.«