Götterdämmerung: Brasilien - Argentinien

15.07.2007 - Copa America 2007 - Finale

Fotos & Bericht vom Finale der Copa America 2007 zwischen Brasilien und Argentinien im
Estadio Olímpico "Pachencho" Romero von Maracaibo

von Christian Piarowski

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Ein Hauptmerkmal Maracaibos ist die große Hitze. Es ist die heißeste Stadt des Landes und 40 Grad sind keine Seltenheit. Sollte man sich zufällig in der Stadt aufhalten und ein paar Tage zwischen einem Halbfinale und einem Endspiel einer Copa América zu killen haben, empfiehlt es sich, einen der nahen Strände aufzusuchen. Maracaibo liegt am Hals des gleichnamigen Sees. Früher, so erzählte man uns, konnte man dort an wunderschönen Stränden ungestört baden. Die Öl-Kompanien allerdings haben mit ihren unzähligen Bohrtürmen, Raffinerien und Pipelines den See derartig verschmutzt, dass das Schwimmen dort nicht mehr zu empfehlen ist. Doch die Karibik ist nicht weit entfernt und auf etlichen versteckten kleinen Insel kann man ein paar ruhige Tage verbringen. Unter der Woche ist in den Fischerdörfern nicht viel los. Am Wochenende füllen sich dann die Strände mit Ausflüglern aus Maracaibo. Die Karibik erfüllt hier zwar nicht das Postkartenklischee, dennoch ist der Aufenthalt dort der Hitze zwischen Asphalt, Beton und reflektierenden Autoscheiben in der Ölmetropole vorzuziehen.

 

Argentinien hatte im zweiten Halbfinale Mexiko überraschend hoch mit 3:0 besiegt. Die Venezolaner waren glücklich, mit Brasilien gegen Argentinien ihr Traumfinale bekommen zu haben. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die Kartenpreise. Dies umso mehr, da es seit Wochen hieß, das Spiel sei ausverkauft. Im Internet wurden zu keiner Zeit Tickets angeboten. Viele Einheimische sprachen offen ihren Unmut darüber aus, dass Regierungsvertreter einen Großteil der Karten zugeteilt bekommen hatten und im freien Verkauf so gut wie keine Tickets zu bekommen gewesen waren.

Tage vor dem Spiel kursierten Gerüchte über Schwarzmarktpreise von bis zu 400 Dollar. Dies mag ein Grund gewesen sein, dass nur Wenige ihr Glück vor dem Stadion versuchten. Dort kam man allerdings leicht an Tickets. Für jeweils 65 Euro ergatterten wir Tribünenkarten. Im Stadion stellte sich dann aber heraus, dass die Tribünenkarten für die Kurve waren und zwar für den unteren Rang. Die Sicht war furchtbar. Doch wir kamen gar nicht zu unseren Plätzen. Der Block war bereits rappelvoll. Die Leute waren früh gekommen und hatte ihre Plätze nach dem Prinzip "Wer zu erst kommt" ausgewählt. Wir gingen also auf die oberen Ränge und freuten uns über die weitaus bessere Sicht. Offensichtlich hatte man die Preiskategorien, danach festgelegt, dass je dichter am Feld umso besser sei. In einem Stadion mit Laufbahn gilt das aber nur bedingt.

 

Im Rund herrschte Feststimmung und die Vorfreude war greifbar. Die Anzahl an venezolanischen Argentiniern und venezolanischen Brasilianern war in etwa ausgeglichen. Die Gruppe Independiente-Fans hatte sich mittig auf der Gegengeraden platziert. Vereinzelt konnte man echte Brasilianer am Portugiesisch erkennen. Desweiteren gab es große Gruppen mit Trägern roter T-Shirts. Wie sich später herausstellte, waren dies Anhänger des Präsidenten und möglicherweise Jene, die Tickets zugeteilt bekommen hatten. Als Dank stimmen sie des öfteren Pro-Chávez-Gesänge an und wurden dann wie gewohnt gekontert. Dies allerdings ohne verbissene Feindschaft oder Aggressivität. Das Ganze hatte eher spielerischen Charakter mit vielen Scherzen und Gelächter. Insgesamt ging es zudem weniger politisch zu als in den Spielen zuvor. Das intensive Mitfiebern mit beiden Teams ließ scheinbar den Fußball im Vordergrund stehen. Ursprünglich sollte der Präsident anwesend sein, doch er fehlte.

 

Das Endspiel war mit 17:00 Uhr recht früh angesetzt worden. Meistens ist es um diese Zeit noch drückend heiß in der Stadt. Doch an jenem Finaltag sorgten ein bewölkter Himmel und frische Brisen dafür, dass bei milden 30 Grad das Fußballspielen und Mitfiebern erträglich sein sollten. Das Auflaufen der Mannschaften wurde erneut begleitet von einem Feuerwerk, das angesichts der Tageshelle aberverblasste. Dafür erhob sich ein Geschrei und Gekreische wie bei einem Boy Group Konzert. 

Während Brasilien, abgesehen von Robinho und Baptista, das Turnier ohne seine Weltstars bestritt, hatte Argentinien alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte. Die vorangegangen Spiele hatte die Albiceleste zumeist deutlich gewonnen. Niemand zweifelte daran, dass das Team um Riquelme und Messi sich dieses Mal die Trophähe sichern sollte. Drei Jahre zuvor beim Turnier in Peru war es zum gleichen Finale gekommen. Brasilien gewann damals im Elfmeterschiessen. Nun war also die Zeit der Revanche.

 

Das Spiel begann wie erwartet. Argentinien stürmte sogleich nach vorne und hatte in den ersten Minuten bereits gute Gelegenheiten. In diese erste Drangphase hinein, zeigten die Brasilianer warum sie Rekordweltmeister sind. Einen schnellen, präzisen Gegenstoß schloss Baptista mit einem herrlichen Treffer ab. Ein Dolchstoß ins Herz der Argentinier. Diese wirkten zunächst verunsichert und das Spiel gestaltete sich ausgeglichen. Brasilien machte die Räume geschickt zu, attakierte den Ballführenden sofort mit zwei Mann und blieb bei Ballbesitz stets gefährlich. Eine Spielweise, die den Argentiniern wenig schmeckte. Sie fanden nur selten den Weg vors Tor. Just als sich die Argentiner wieder ein Übergewicht erspielten, schlugen die Brasilianer erneut zu. Dieses Mal sorgte allerdings Ayala fünf Minuen vor Seitenwechsel mit einem klasischen Eigentor für den Treffer. Herrlicher Abschluss vor bereitstehendem Torwart. Bis zur Pause geschah dann erstmal nichts mehr.

 

In der Zweiten Hälfte waren die Argentinier bemüht, doch schienen sie angeschlagen und müde. Während Brasilien das Halbfinale in Maracaibo bestritten hatte, mussten die Argentinier quer durchs Land nach Puerto Ordaz reisen. Dessen nicht genug hatte Brasilien auch noch einen Ruhetag mehr. Sie wirkten ausgeruhter und spritziger, waren immer einen Tick schneller in ihren Reaktionen und konnten ihr Tempo bis zum Schluss hochhalten. Wenn sie es denn wollten. Denn zumeist beschränkten sie sich darauf, die Räume im Mittelfeld zu schliessen und argentinische Kombinationen zu unterbinden. Als sich die Albiceleste dann zu einer verzweifelten Drangphase aufraffte, gelang den Brasilianern der dritte Treffer. Der Widerstand war gebrochen. Die Argentinier versuchten zwar ehrenhaft, wenigstens zu einem Tor zu kommen, doch war die Seleçao mit cleveren Kontern einem Treffer näher als die Gauchos. Der Schlüssel zum Sieg war, die argentinische Offensive mit harter Dopeldeckung zum Verzweifeln zu bringen und zur rechten Zeit, eiskalt die Chancen zu nutzen. Messi, Tevez, Riquelme blieben weit entfernt von ihrer im Turnier gezeigten Topform.

 

Die Siegerehrung unter karibischer Dämmerung verlief dann exklusiv für die VIP-Tribüne, da ein blickdichtes Banner der Gegengerade die Sicht nahm. Man konnte allerdings auf der Videoanzeigetafel das Geschehen verfolglen. Die venezolanischen Träger argentinischer Trikots wirkten nicht allzu lange enttäuscht und feierten zusammen mit ihren brasilianischen Landsmännern. Die Ehrenrunde war rasch gedreht und das Stadion leerte sich zügig. Wir Drei machten uns direkt auf zum Busterminal. Dort trennten sich dann unsere Wege. Ein Jeder verschwand in eine andere Richtung in die venezolanische Nacht.          

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Brasilien 3:0 Argentinien, Estadio Olímpico "Pachencho" Romero, Maracaibo, Venezuela, 15.07.2007, 17:05, Finale

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