La Cumbia del Burrito

05.05.2010 - Ortega zurück in der Selección

Heute kehrt Ariel "El Burrito" Ortega als 36-Jähriger zurück in die Selección! Zeit für einen Blick auf die Karriere des River-Idols!

von Christian Piarowski

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»Er hat das Fußballlehrbuch entstaubt und es über den Platz geschossen«, lobte River Plates Trainer Angel Cappa seine Nummer 10 nach dem 2:1 Sieg gegen Velez Sarsfield am vergangenen Freitagabend. Die River-Fans im zugigen Monumental-Stadion bedurften dagegen keiner poetischen Sätze, um ihrem Idol zu huldigen. »Orteeega! Orteeega!« skandierten sie, wie sie es immer tun, seitdem Ariel Ortega zurück ist bei River Plate. An jenem Abend umso lauter, bot der mittlerweile 36-Jährigen doch eine Leistung, wie sie ihm wohl kaum noch einer zugetraut hatte. Mit erstaunlichem Tempo, mustergültigen Pässen und fintenreichen Dribblings trieb der 1,73 Meter große Stürmer das Team in den ersten 45 Minuten unermüdlichen voran. Ein Tor gelang ihm dabei zwar nicht, wohl aber die Vorlage zum Ausgleichtreffer. In der zweiten Halbzeit tauchte Ortega dagegen nahezu vollständig ab. Den Applaus schmälerte dies dennoch nicht. Die Fans von River Plate lieben ihren »Burrito«, das Eselchen, in schlechten Zeiten und vergöttern ihn in seinen Glanzmomenten. Beides gab es jeweils reichlich in der langen Karriere des Ariel Arnaldo Ortega. 

 

 »Orteeega! Orteeega!«

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Ledesma in der Provinz Jujuy, erbte Ariel das Fußballfieber und den eigentümlichen Spitznamen von seinem Vater, der als Spieler als harter Treter bekannt gewesen sein soll und daher den Spitznamen »El Burro«, der Esel trug. Die Schule brach Ariel bereits früh ab, denn er wollte nur eines: Fußball spielen. Bereits als Jugendlichen holten sie ihn ins ferne Buenos Aires zum großen Traditionsverein River Plate. Dort debütierte Ortega 1991 unter Trainer Daniel Passarella mit 17 Jahren in der 1. Liga. Mit River gewann er sechsmal die Meisterschaft und einmal die Copa Libertadores. Nur zwei Jahre nach dem Debüt als Profi folgte die Nominierung für die Nationalmannschaft, für die er 86 Spiele absolvierte, 17 Tore schoss und an drei WM-Endrunden teilnahm. Schon früh galt Ortega aufgrund seiner Spielweise als Nachfolger Maradonas, mit dem er bei der WM 1994 das Zimmer teilte. Unvergessen sind den meisten Argentinier seine Dribblings gegen England im Achtelfinale 1998, denen die Band »Ternura« sogar einen Song gewidmet hat – »La cumbia del Burrito«.

 

 Zimmerpartner von Diego

Doch der Durchbruch zum Weltstar sollte Ortega verwehrt bleiben, denn dafür sorgte er für zu viele Skandale und hatte sein Temperament zu selten im Griff. So etwa im Viertelfinale gegen Holland bei derselben WM-Endrunde, als er Edwin van der Saar mit einem Kopfstoss attackierte und beim Stand von 1:1 vom Platz flog. Argentinien verlor das Spiel wenig später mit 1:2 und schied aus. Zwar schaffte Ortega 1996 den Sprung nach Europa, doch blieb sein Engagement in Spanien und in Italien weitestgehend glanzlos. Weder in Valencia noch bei Sampdoria Genua und dem FC Parma konnte er sich dauerhaft durchsetzen und kehrte nach nur vier Jahren nach Argentinien zurück. Auch ein zweiter Versuch, außerhalb seines Landes Fuß zu fassen, blieb erfolglos. Trotz eines lukrativen Vertrages bei Fenerbahce Istanbul verließ er die Türkei nach nur acht Monaten und floh kurzerhand nach Argentinien. Die Fifa sperrte ihn daraufhin wegen Vertragsbruch. Ortega trainierte allein in seiner Heimat Jujuy, bis Newells Old Boys sich mit den Türken auf eine Abfindung einigen konnte und »El Burrito« unter Vertrag nahm.

 

Auch wenn er jeweils mit Newell’s und später mit River nochmals die Meisterschaft gewinnen konnte, machte Ortega in den letzten Jahren mehr mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam als mit Toren. Durch unentschuldigtes Fehlen beim Training, gleich mehreren Autounfällen und wiederholten Alkoholexzessen erwies er sich zunehmend als eine Belastung für seine Trainer und Teamkollegen. Selbst sein Ziehvater Passarella wusste sich schließlich nicht mehr zu helfen und legte ihm eine Therapie nahe. 2008 wechselte Ortega nach einem Streit mit Trainer Diego Simeone in die 2. Liga zu Independiente Rivadavia. Ein trauriges Karriereende zeichnete sich ab. Doch »El Burrito« kehrte nur ein Jahr später zu River zurück – die Fans hatten es so gewollt.

 

 Das letzte große Idol

Für sie ist er das letzte große Idol. In Argentinien, wo Fan eines Vereins zu sein zugleich bedeutet, Anhänger einer bestimmten Spielphilosophie zu sein, verkörpert Ortega mit seinen Finten und Dribblings genau jene Spielweise, wie sie die River-Fans sehen wollen. Wenn sie seine besten Tore und Tricks aufzählen, werden sie schnell euphorisch, trippeln auf der Stelle und würden am liebsten selbst dem Ball nachjagen, um zu kicken wie Ortega. Doch noch etwas macht ihn zum Idol: »Er liebt diesen Verein, genauso wie wir. Daher verzeihen wir ihm all seine Skandale«. So wird schnell übergangen, wenn Ortega in den Morgenstunden mal wieder einen Autounfall hatte, der Anlass zu Diskussionen über einen neuerlichen Rückfall geben könnte. So wie erst wenige Tage vor der überraschenden Berufung in die Lokalauswahl für das heutige Länderspiel gegen Haiti.

 

Was Diego Maradona dazu bewegte Ortega in die Nationalelf zu berufen, zu einem Zeitpunkt, wo alle Konzentration den Vorbereitungen auf die WM in Südafrika gelten sollte, darauf können sich in Argentinien weder die Presse noch die selbsternannten Nationaltrainer so recht einen Reim machen. Nach eignen Aussagen will Maradona Ortega dabei helfen, auf den rechten Weg zu finden und seine Leistungen in der Nationalelf würdigen. Man könnte es auch als Motivationstrick sehen. Ein Zeichen für die Europalegionäre und zukünftigen Auswahlkandidaten, dass wer sich für die Seleccion einsetzt, eine Familie finden und nicht vergessen werden wird. Selbst wenn er Probleme haben sollte. Doch die wahren Gründe bleiben letztlich mal wieder ein maradonianisches Mysterium. Selbst für Ortega, der sich überrascht und dankbar zeigte, sich aber keine Illusionen macht. Auch wenn er natürlich gerne dabei wäre und »sei es als Zeugwart«.

 

 »Borombombom!«

Mag es sich bei der heutigen Partie auch um ein eher bedeutungsloses Freundschaftsspiel mit Spielern ausschließlich aus der nationalen Liga handeln. Fakt ist: Sieben Jahre nach dem letzten Spiel im Nationaltrikot kehrt Ortega in die Seleccion zurück, wo er mit dem gleichaltrigen Martin Palermo den Angriff bilden wird. Für seine Fans im Monumental ein Grund zur Freude. Und so verabschiedeten sie ihr Idol mit lautstarkem Hüpfgesang: »Borombombom! Para el burritooo - la Selecciónnn!« (Für das Eselchen - die Seleccion!)