Der chilenische Theo

10.11.2009 - Harold Mayne-Nicholls und der Frauenfußball

Mit Begeisterung berichteten die Spielerinnen der deutschen Auswahl auf ihrem Blog von der U-20–WM in Chile. Der Erfolg ist vor allem einem Mann zu verdanken.

von Christian Piarowski

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»Die Atmosphäre war geil.« Mit solchen Worten der Begeistrung berichteten 2008 die Spielerinnen der deutschen Auswahl auf ihrem Blog von der U20–WM in Chile. Die freundlichen Menschen, die neuen Stadien und die Euphorie im Land bleiben für sie unvergessliche Erinnerungen. Dabei waren sie mit ganz anderen Erwartungen in das vermeintliche Entwicklungsland gereist. Wären sie nur zwei Jahre zuvor gekommen, hätten sie das erwartete Bild bestätigt gefunden. Denn noch 2006 waren die Bedingungen in Chile alles andere als einer WM würdig. Dass sich dies in so kurzer Zeit geändert hat, ist vor allem einen Mann zu verdanken: Harold Mayne-Nicholls, Präsident des chilenischen Fußballverbandes ANFP.


Als der Theo Zwanziger Chiles sein Amt im Januar 2007 antrat, waren bereits vier Monate vergangen seitdem Chile den Zuschlag für die WM bekam. Doch in Sachen Vorbereitung hatten seine Vorgänger keinen Finger gerührt und ein dürftiges Budget hinterlassen. Es drohte sogar die Entzug der Weltmeisterschaft. Der umtriebige 48-Jährige aber konnte die Regierung um Präsidentin Michelle Bachelet von seinem Projekt begeistern, dass nichts geringeres beabsichtigt als die komplette Neustrukturierung des chilenischen Fußballs. Über 50 Millionen Euro steckte der Staat in den Ausbau der vier WM-Stadien. Es war die größte Investition in sportliche Infrastruktur seit 40 Jahren. Mit der erfolgreichen Organisation des Turniers ist für Mayne-Nicholls die Entwicklungsarbeit im Bereich des Frauenfußballs allerdings längst nicht abgeschlossen. Der Journalist, der nebenbei als FIFA-Funktionär tätig ist, beabsichtigt professionelle Strukturen zu schaffen und den Sport populär zu machen.

 

Viel Arbeit, denn in Chile gab es für die Frauen weder eine landesweite Meisterschaft noch organisierte Jugendarbeit. Bereits 2008 gelang es aber, die erste Ligameisterschaft durchzuführen. Es war ein Versuch, nur 14 Teams nahmen teil. Meister wurde das Team von Everton aus dem Küstenort Viña del Mar. Die mitgereisten Fans sorgten am letzten Spieltag mit bengalischen Feuern beim Auswärtsspiel in Quillota für eine Atmosphäre wie sie sich so manches Männerteam wünscht und feierten die Siegerinnen überschwänglich.

 

Angesichts der erfolgreichen ersten Saison wollten zu Beginn der zweiten Spielzeit bereits 19 Clubs teilnehmen. Fast alle Vereine aus dem Profibereich der Herren haben mittlerweile ein eigenes Frauen-Team. Nur Vereine, die dem Profiverband angehören dürfen Teams stellen. Dadurch, dass die Mannschaften den Namen der traditionellen Herrenmannschaften tragen, erhofft sich Mayne-Nicholls einen größeren Zuschauerzuspruch, da sich Fans mit ihrem gewohnten Vereinen identifizieren können. Auch deshalb gelang es ihm, das Interesse der Medien zu wecken. Der TV-Sender Liv-TV und der Fußballkanal CDF übertragen regelmäßig Live-Spiele. Ein großartiger Erfolg, wenn man bedenkt, dass vor wenigen Jahren niemand daran interessiert war, Frauenfussball zu sehen.

 

Seit der WM jedoch ist ein Boom ausgebrochen und viele Mädchen haben Gefallen am Fußball gefunden. Dass alle von ihnen auch unter vernünftigen Bedingungen trainieren können, ist ein ehrgeiziges Projekt. Denn dies ist nicht leicht in einem Land, in dem sich traditionell die wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten und somit auch Fußballschulen nahezu ausschließlich auf das Zentrum um die Landeshauptstadt Santiago konzentrieren. »Aber wenn es irgendwo ein Mädchen gibt, dass auf seine Chance wartet in einer Auswahlmannschaft zu spielen, werden wir alles versuchen, ihr diese zu geben. Sei es in Arica ganz im Norden oder in Puntarenas weit im Süden.«, sagt Mayne-Nicholls, der für sein Engagement als Verbandspräsident keinen einzigen Peso bekommt und seinen Unterhalt mit den Einkünften aus seiner Tätigkeit bei der FIFA bestreitet.

 

Um die Ausbildung und Sichtung junger Spielerinnen zu verbessern, veranstaltet die ANFP daher regelmäßig Seminare und Lehrgänge auf denen Ausbilder speziell auf die Aufgaben der Nachwuchsförderung vorbereitet werden. Damit der Fußball auch im Nachwuchsbereich unter Wettbewerbs praktiziert werden kann, wird parallel zur Meisterschaft der Erwachsenen eine U-17 Liga geführt. Regelmäßige Wettkampfpraxis sollen die Nachwuchskickerinnen zudem in den neuen U-15 und U17-Auswahlteams erhalten. Noch ist die chilenische Auswahlmannschaft weit davon entfernt, auf internationaler Ebene für Aufsehen zu sorgen. Die Versäumnisse der Vergangenheit lassen sich nicht in so kurzer Zeit korrigieren. Mit den nun durchgeführten Reformen könnte Chile aber innerhalb der nächsten Jahre zumindest in Südamerika eine Größe werden, wo bisher lediglich Brasilien und mit Abstrichen Argentinien sich intensiv um die Organisation des Frauenfußball bemühten.

 

Doch zunächst ist es wichtig, dass der Boom von 2008 nicht ungenutzt verfliegt. Damit dies nicht geschieht, will sich Chile für die Austragung der WM 2015 bewerben. Es wäre das erste Mal, das eine Frauen-WM in Südamerika ausgetragen wird.