Olimpia Juniors Campeón!: Victoria - Olimpia Jrs.
30.04.2017 - Vor Ort beim Federal C auf Feuerland
Fotos und Bericht vom Federal-C-Finale Victoria - Olimpia Jrs. im Estadio Municipal von Río Grande
von Christian Piarowski
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Finaltag im Torneo Federal C. Ganze 310 Vereine waren angetreten, um einen der 16 Aufstiegsplätze zu ergattern; zwei der Aufsteiger sollten aus Patagonien kommen. Unterteilt war Patagonien in zwei Zonen: Nord und Süd. Das Finale der Südregion stieg auf Feuerland, in Rio Grande - damit war es das südlichste Finale der Welt im Jahr 2017. Aber nicht deswegen sprach die lokale Presse schon Tage zuvor davon, dass die Stadt vor Anspannung platze, sondern weil der Titelgewinn im Federal C und somit der sportliche Aufstieg in das Torneo Federal B tatsächlich ein sportlicher Meilenstein für die Stadt darstellen würde. Das Team von Camioneros, das zwar bereits im Federal B vertreten ist, erlangte diesen Startplatz nämlich lediglich dank einer Einladung seitens des Verbandes.
Nun ist Rio Grande nicht gerade als Fußballhochburg bekannt. Dennoch zeigte sich die Stadt wenige Stunden vor Anpfiff tatsächlich wie gebannt und im Stillstand. Dies ist jedoch an einem kalten Sonntagvormittag weder in Rio Grande noch sonstwo in Argentinien ungewöhnlich. In Gesprächen mit lokalen Fußballfans ging auch hervor, dass viele zwar wussten, dass da am Sonntag irgendein bedeutendes Spiel steigen sollte, aber wer genau spielte und um was es ging, war nicht allen klar gewesen. Im von externer und interner Einwanderung geprägtem Rio Grande drücken viele Menschen ihren Vereinen aus der Herkunftsregion die Daumen oder gehen zum Futsal, wohin man auch mal die Kinder mitnehmen kann, ohne dass diesen gleich drei Zehen abfrieren.
Für 1 Kaffee & 2 Croissants
Nichtsdestotrotz war schließlich doch in der Tat einiges anders als gewöhnlich. Zunächsteinmal wurden 60 Pesos (4 Euro) Eintritt genommen, der sonst zumeist frei war im Laufe des Turniers. Mit dem Geld wollte Victoria die Kosten der Saison decken, hieß es zuvor in den Zeitungen. Angesichts mehrerer tausend Kilometer Anfahrten zu den Spielen, die ins Finale führten, war der Preis, für den man in den Cafes der Stadt einen Kaffee und zwei Croissants bekam, auch keine wirkliche Abzocke.
Victoria hatte auf dem eigenem Facebookauftritt zudem für das Spiel geworben mit dem Spruch: "Heute sind wir alle Victoria." Also auf ein Gemeinschaftsgefühl der Stadt gesetzt. Und es sollten auch etliche Zuschauer aus genau diesem Grund kommen: um in der Stadt mal ein Spiel von Bedeutung zu sehen. Zudem zollte man generell in der Stadt dem Verein gesunden Respekt für die erbrachte Arbeit der letzten Monate und Jahre.
Eine Stunde vor Spielbeginn war auch bereits recht viel Betrieb im Estadio Municipal. Die kleine barra von Victoria heizte sich an, die besten Autoplätze auf der unbebauten Gegengeraden waren bereits belegt. Man genoss die Sonne, trank Mate, schwätzte und überließ sich diesem genussvollem Gefühl der Vorfreude, die greifbar in der Luft lag.
Im Eingangsbereich neben der Stahlrohrtribüne, wo die die barra sich platziert hatte, standen große Säcke mit kleinen Beuteln voller Papierschnipsel für die Fans bereit, blaurote Luftballons schmückten die Zäune und gleich drei Buden boten heute Gegrilltes auf Brot an. Einige Jungs der barra trommelten ohne Unterlass und sorgten somit für Musik. Andere hatten Bier in großen Glaspullen dabei und tranken dieses ungeniert vor den reaktionslosen Polizisten, während sie weitere Luftballons aufpusteten und an Kinder verteilten.
1.000 Kilometer Anreise
Die Barra von Olimpia kündigte sich ebenfalls frühzeitig, nämlich 45 Minuten vor Spielbeginn mit Trommelei außerhalb des Stadions an. Wenig später hängten sie ihre ersten Fahnen auf. Der Großteil blieb aber zunächst draußen, da beim Einlass für die Gäste dann doch recht pingelige Kontrollen anfielen, bei denen, trotz langwieriger Diskussionen mit der Polizei, auch das gesamte pyrotechnische Material flöten ging. Immerhin durften sie einige Tüten voller Schnipsel und Papierschlangen mit reinbringen.
Ein ziemlich guter, zahlenmäßig kräftiger Mob hatte da die beachtliche Anreise von etwa 1.000 Kilometer angetreten. Natürlich kam es ihnen zugute, dass der Montag, der 1. Mai, ein Feiertag war und man so nicht unmittelbar nach dem Spiel heimreisen musste. Für die Strecke gibt es keine direkten Flüge. Ein Teil der barra brauchte für den Hinweg satte 32 Stunden, da sie an der Grenze Probleme wegen eines fehlenden Kinderausweises bekommen hatten; und nun ja, wenn einer nicht rüber kann, warten halt alle. Kameradtschaft ist eines des obersten Gebote. Den Rückweg schafften dagegen einige in rekord- und geschwindkeitsverbotmissachtenden 16 Stunden.
Während also auf den Rängen lange vor dem Spiel allseits eine vorfreudige Anspannung herrschte, stand letztere dem Trainerstab von Victoria eiskalt ins Gesicht geschrieben: bereits 60 Minuten vor Anpfiff wurde die Mannschaft zum intensiven Warm-up geschickt, um zwanzig Minuten vor geplantem Spielbeginn wieder in den Kabinen zu verschwinden. Das Team von Olimpia war da gerademal erst seit 10 Minuten mit dem Aufwärmen beschäftigt, und dies mit deutlich relaxteren Übungen. Dafür aber puschten sich die Spieler, kommunizierten mehr; teils derbe, mit Grüßen an die Mutter des Mitspielers und ähnlichem. Bevor es auch für sie zurück in die Kabinen ging, heizte der Trainer von Olimpia seinen Mannen noch mal ordentlich ein: es sei ein Finale, so was spielten sie vielleicht nur einmal im Leben, sie sollten sich verdammt nochmal von Beginn an voll konzentrieren.
Ohne die Spieler auf dem Platz war das Knistern der Erwartung dann förmlich greifbar, so wie es sich für ein Finale gehört. Alle Zuschauer blickten gebannt zum kleinen Gebäude, aus dem die Spieler kommen mussten. Zuerst lief Olimpia auf. Die meisten Gästefans, inklusive der Barra, waren da noch immer draußen in den Kontrollen verwickelt. Victoria dagegen ließ auf sich warten, und warten, und warten. Irgendwann gingen auch die Gästespieler wieder zurück in die Kabine. Spätestens da war auch dem letzten Zuschauer klar, dass irgendwas nicht stimmte. Der Krankenwagen fehlte. Ohne den durfte das Spiel nicht angepfiffen werden.
Golazo zum Sieg
Die im Stadion herrschende vorfreudige gute Stimmung kühlte mit jeder Minute des Wartens merklich ab, zumal sich auch noch Wolken vor die bis dahin strahlende Sonne schoben, der Wind auffrischte und die ersten Zuschauer zu frösteln begannen. Nach 25 Minuten ließ sich in der Ferne eine Sirene vernehmen, die sich langsam dem Stadion näherte. Der Krankenwagenfahrer wurde mit Kopfschütteln und einigen derben Wörtern empfangen.
Das Spiel begann schließlich mit über einer halben Stunde Verspätung. Immerhin konnten so alle Gästefans das erneute Auflaufen ihres Teams beklatschen, brachten aber, anders als geplant, abgesehen von etwas Papier keine größere optische Untermalung. Bei Victoria gab es etwas Rauch, ein paar Böller und viel Papier. Beide Barras legen sofort gut mit ihrem Support los. Allerdings ließen die Victoria-Fans schnell nach, einzig die Gäste sangen, sprangen und trommelten nahezu frenetisch 90 Minuten gegen den Wind an. Es zeigte sich einfach, dass eben weit über die Hälfte der Zuschauer nur gekommen war, um ein größeres besseres Fußballspiel zu sehen, ohne etwa Victoria-Fan zu sein. Und ihnen wurde es bald zu kalt, immer mehr Motoren wurden angeschmissen, damit die Heinzung funktionierte. Der Support der Barra wurde im Laufe des Spiel zudem immer häufiger ausgesetzt und klang phasenweise eher wie das monotone Getrommel auf Gewerkschaftsdemos. In der Tat waren auch unter den Trommlern einige Insignien der Metallarbeitergewerkschaft UOM zu erkennen.
Wie im Hinspiel entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel mit leichten Feldvorteilen für Olimpia, das einfach mehr investierte, motivierter und gedanklich wacher wirkte, ohne dabei jedoch ernsthafte Torgefahr entwickeln zu können. Ein Fernschuss, der erster Schuss überhaupt aufs Tor, ging dann aber sogleich als Golazo ins Netz. Glück des Tüchtigeren - manchmal gibt es das.
Der zweite Durchgang sollte weniger Höhepunkte bieten, auch wenn jetzt Victoria das Heft in die Hand nahm und alles versuchte, dabei aber zunehmend verzweifelter und planloser wirkte. Gerade einmal zwei Torchancen sprangen in den 90 Minuten heraus; zu wenig, zumal auch im Hinspiel das Tor eher aus dem Nichts fiel. Somit feierte Olimpia angesichts der Leistungen in beiden Partien absolut verdient die Meisterschaft im Federal C.
Dann noch etwas Steine
Viele der Zuschauer, unter denen man Klamotten von großen Teams wie Independiente, Central und natürlich Boca und River ausmachen konnte, nahmen sich die Niederlage nicht allzu sehr zu Herzen und verließen entspannt und ohne Aufregung das Stadion, ganz so, wie sie auch das Spiel verfolgt hatten. Einigen Wenigen jedoch passte es nicht, dass die Gästespieler und auch ein paar Gästefans nach dem Abpfiff ausgelassen auf dem Platz feierten und sorgten einige Momente lang für Hektik, als sie faustgroße Steine in Richtung Gäste warfen. Doch eine martialisch anmutende Sondereinheit der Polizei vertrieb die Steinewerfer schnell und ohne Einsatz ihrer Waffen. Selten dürfte man in den Jahren zuvor eine so top-ausgerüstete Einheit bei einem Federal-C-Spiel gesehen haben. Sicher auch eine Resultat der auf Repression gebürsteten Politik der Macri-Regierung.
Wie auch immer, die Spieler von Olimpia ließen sich dadurch nur kurzzeitig stören, versuchten aber die allen bekannten Codes mehr zu respektieren und es bei einfacherem Feiern zu belassen. Als sie dann doch kurz eine Schweigeminute für Victoria ansingen wollten, reichte ein Zwischengepöbel eines noch verbliebenen Zuschauers aus, um das Thema zu ändern.
Außerhalb des Stadions waren dann nur verlassene Straßen anzufinden. Es war richtig kalt geworden in Rio Grande. So konnte sich das Gro der Gästebarra ungestört auf den Weg zurück ins Hotel machen, wo sie bei einem mächtigen Asado und reichlich Getränken unterschiedlicher Couleur noch lange feierten.
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Victoria 0:1 Olimpia Jrs., Estadio Municipal, Río Grande (Provincia de Tierra del Fuego, Antártida e Islas del Atlántico Sur), Sonntag, 30.04.2017, 15:00, TF-C 2017, Rückspiel Finale, Región Patagónica, Subzona Sur - Olimpia Campeón!
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