Pflicht erfüllt: Independiente - Atlético (PSJ)

13.05.2018 - Kleines Clásico in Puerto San Julían

Für Independiente war gegen den Lokalrivalen Atlético ein Sieg Pflicht. Fotos + Bericht

von Christian Piarowski

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Mitte Mai. Der Winter hatte seine Finger schon auf den Süden Argentiniens gelegt, als die Apertura der Liga de Fútbol Centro de Santa Cruz in die Zielkurve einbog. Es konnte bereits an diesem schmuddeligen, feucht-kalten Sonntag die Entscheidung fallen, nur noch zwei Teams hatten Chancen auf den Titel: Atlético aus Puerto Santa Cruz und Independiente aus Puerto San Julian.

 

Dabei stand gerade erst der 8. Spieltag an. So ist das halt im dünn besiedelten Zentrum der Provinz Santa Cruz. Gerade einmal neun Teams aus vier Städten bilden die Liga. So kommt jeder Verein in einer Meisterschaftsrunde auf acht offizielle Spiele und folglich 16 im ganzen Jahr, falls er sich nicht für einen federalen Wettbewerb qualifiziert hat.

 

Die Stadt Puerto San Julian, die bei der letzten Volkszählung 8000 Einwohner hatte, mittlerweile aber aufgrund von Zuzugs wegen der nahen Goldminen auf etwa 10000 kommen sollte, stellt mit Atlético, Racing und eben Independiente die meisten Vereine. Das Clásico der Stadt ist, wie es den Namen nach logisch erscheint, das Duell zwischen Independiente und Racing. Doch hat das nicht zwangsläufig mit der Rivalität der beiden Vereine aus Avellaneda zu tun, sondern mit dem Umstand, das beide die ältesten Vereine der Stadt sind. So bringt es Independente auf fast 95 Jahre (2.10.1923) und Racing auf 90 (31.3.1928), während Atlético "nur" knappe 80 Lenze vorzuweisen hat (9.10.1938).

Davon abgesehen ist nicht genau geklärt, ob die beiden „Alten“ wirklich aufgrund einer Affinität ihrer Gründer zu den beiden Vereinen aus der Primera A ihren Namen tragen. Während bei Racing Wappen und Farben nicht vom einstigen Weltpokalsieger zu unterscheiden sind, und dies daher nahe liegt, unterscheidet sich bei Independiente beides deutlich und ähnelt auch keinen älteren Versionen des Klubs aus Avellaneda.

 

Doch dessen alles ungeachtet, und ob echtes clasico oder nicht, natürlich hat ein Duell gegen einen Konkurrenten aus der eigenen Stadt seinen besonderen Reiz, erst recht kurz vor Saisonschluss und noch viel mehr, wenn man dazu noch im Titelrennen ist. So war trotz des schlechten Wetters und des nicht unbedingt bescheidenen Eintrittspreises von 100 Pesos (3,30€ am 13.05.18) mit einem ordentlichen Publikumsandrang zu rechnen, schließlich hat der Verein obendrein einen gewissen Ruf, was seine Fans angeht.

 

Und diese enttäuschten nicht, füllten die kleine Tribüne, und auch die Gäste besetzten recht zahlreich den engen, ihnen zur Verfügung stehenden Platz. Wobei sie, um es vorwegzunehmen, während des gesamten Spiel weder für optischen noch akustischen wirklich wahrnehmbaren Support sorgten, von den üblichen Rufen und Witzeleien mal abgesehen (das Duell der besten Sprüche sollte Unentschieden enden).

 

Lange bevor die Heimfans zum Spiel anrückten, hatten sie bereits die Tribüne mit Tirantes und Banner geschmückt, um sich anschließend bei einem Asado in Ruhe einstimmen zu können. Kurz vorm angesetzten Anpfiff waren von draußen dann auch die Trommeln und Gesänge zu hören. Pünktlich zum Auflaufen der Teams hatten sich dann auch alle eingefunden und legten ein sehr schönes Intro hin mit viel schwarz-rotem Rauch, etwas Papier sowie Getrommel und laute Gesänge. Dissgesänge gingen vor allem an die Adresse von Racing, selten wurde der auf dem Platz stehende Gegner bedacht.

 

Die etwa 50 aktiven Jungs sollten die gute Stimmung auch fast bis zum Ende der ersten Halbzeit durchhalten und ließen dazu auch immer mal etwas Rauch aufsteigen. Erst dann schlief das Ganze ein, bis hin zum eiskalten Verstummen. Alles konform zum Spielverlauf. Denn Independiente zeigte sich zwar physisch und spielerisch deutlich überlegen, ließ aber wenigsten drei Hundertprozentige liegen. Atlético kam dagegen nur einmal wirklich gefährlich vors Tor, nach einen Standard, und schlug sofort eiskalt zu. Noch mehr Gift für die Stimmung war jedoch das Spielgeschehen auf dem anderen Platz, in Luis Piedrabuena, wo der Titelkonkurrent aus Puerto Santa Cruz kurz vor der Halbzeitpause in Führung gegangen war. Somit war nach den ersten 45 Minuten der Pirata aus Santa Cruz Meister. Independiente musste gewinnen, wollten sie am letzten Spieltag noch eine Chance haben.

 

Während die Spieler in die Kabine schlichen, um sich dort neu zu motivieren, taten die meisten Jungs von der Hinchada dasselbige und holten sich im nahen Kiosk oder aus den Autos ein paar stärkende und Mut machende Getränke. Angesicht der Kälte und des drohenden Endes aller Träume nahmen sie diese zur zweiten Halbzeit gleich mit ins Stadion. Es galt, alles zu geben.

 

Und das taten sie. Laute Gesänge, viel Rauch und immer wieder Feuerwerk, das hinter der Tribüne abgeschossen wurde. Auch die Spieler schienen den richtigen Pausentee bekommen zu haben. Sie zeigten nun die gleiche Überlegenheit wie im ersten Durchgang, mit dem Unterschiede, dass sie nun vor dem Tor die Nerven behielten, das Spiel drehten und letztlich auch völlig verdient in der Höhe mit 3:1 gewannen.

 

Die nach dem Spiel von Fans, Spielern und Verantwortlichen abfallende Last war spürbar greifbar. Es wurde gefeiert, als wäre auch in Piedrabuena das Spiel gedreht wurden. War es aber nicht. Atletico hatte noch viel deutlicher gewonnen. Und so kam es, wie es der, für Außenstehende vermutlich etwas eigenwillige Spielplan, wollte, am letzten Spieltag zum entscheiden, direkten Aufeinandertreffen zwischen Independiente und Atletico aus Puerto Santa Cruz, wieder im Panópulos. Ein echtes Finale.

 

Und so wandelten sich Jubel und Gesänge schon bald in die Zukunft gerichtet um, denn auch am kommenden Sonntag, so schallte es klassisch übers Feld, musste man, egal wie, wieder gewinnen, wenn man Meister werden wollte.

 

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Independiente 3:1 Atlético (PSJ), Estadio Juan Panópulos, Puerto San Julián (Provincia de Santa Cruz), Sonntag, 13.05.2018, 15:45, 8. Spltg., Apertura 2018, Liga de Fútbol Centro de Santa Cruz

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