Im Zeichen der Geschichte: Armenio - Merlo

19.04.2015 - Vor Ort in der Primera B (3. Liga)

Fotos und Bericht vom Primera-B-Spiel Deportivo Armenio - Deportivo Merlo im Estadio Armenia in Ingeniero Maschwitz.

von Christian Piarowski

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Das Spiel Deportivo Armenio gegen Deportivo Merlo im Estadio Armenia von Ingeniero Maschwitz stand ganz im Zeichen des am 24. April stattfindenden 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. Der Völkermord an den Armeniern geschah während des Ersten Weltkrieges unter Verantwortung der jungtürkischen, von der Organisation Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Einem der ersten systematischen Völkermorde des 20. Jahrhunderts fielen bei Massakern und Todesmärschen, die im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916 stattfanden, je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer. Der 24. April wird in Armenien als „Genozid-Gedenktag“ begangen, im Jahre 1915 erfolgten in Konstantinopel an diesem Tag die ersten Verhaftungen armenischer Intellektueller.(Wikipedia am 21.04.2015)

 

Deportivo Armenio wurde 1962 von armenischen Einwanderern gegründet, um der Gemeinde einen eigenen Verein mit der notwendigen Infrastruktur zum Ausüben verschiedener Sportarten zu geben. Die Fußballabteilung spielte in den Saisons 87/88 und 88/89 sogar in der 1. Liga und ist seit 1990 dauerhaft in der 3. Liga etabliert. Der Verein hatte eine Woche zuvor angekündigt, in eigens für dieses Spiel entworfenen schwarzen Trikots aufzulaufen. Diese Trikots sollten zudem eine Vergissmeinnicht, das Symbol des Genozids, und die Aufschrift "Recuerdo y Exijo" (Ich erinnere mich, und fordere) in verschiedenen Sprachen tragen. Mit dieser Initiative hofften die Vereinsoberen einen Beitrag leisten zu können, damit die Geschehnisse des 1. Weltkrieges internationale Anerkennung erlangen und nicht in Vergessenheit geraten. Mit Erfolg, denn für das Spiel, das ansonsten sehr wahrscheinlich zu der Kategorie "unter ferner liefen" die Statistikbücher angereichert hätte, kamen extra ein Fotograf und Journalist aus Armenien sowie ein Kamerateam von ESPN.

 

An Zuschauer kamen die üblichen 200 sowie etwa 50, die zu den Gästen gehörten und die sich zum Teil in Neutral auf die Haupttribüne geschmuggelt hatten. Alles kein Problem, denn bei Armenio geht Fußball gucken entspannt über die Bühne. Das Spiel ist eher Anlass zum Treffen der Gemeindemitglieder. Als die Teams aufliefen, befanden sich gerade einmal zwei Zuschauer auf der Gegengeraden, wo die Barra ihren Platz hat. Auch die übrigen Zuschauer, die sich bis dahin beim Schwätzchen um Cafeteria und Grillstand herum aufgehalten hatten, kamen erst dann auf die Platea, die sich somit erst wenige Minuten nach Anpfiff füllte.

 

Dann kam eine siebenköpfige, mit Fahnen ausgerüstete Barra auf die Gegengerade, hängte fünf Banner auf, sang ein wenig und wedelte mit den Fahnen. Ansonsten blieb es ziemlich ruhig. Erst mit dem Gegentreffer waren ein paar Flüche zu vernehmen. Ab der 20. Minuten wurde die Barra durch ein paar Jungs aus dem direkt ans Stadion angrenzendem sozial-schwächeren Viertel verstärkt. Diese brachten eine Trommel und ein weiteres Banner in Orange sowie zwei Tirantes mit. Von nun an gab es ein paar Gesänge und etwas  Getrommel mit häufigen Pausen. In der zweiten Halbzeit passierte diesbezüglich zunächst gar nichts, das 0:2 kurz vor der Pause, die Sonne und die für Sonntag unsägliche Anstosszeit drückte bei allen auf die Stimmung.

 

Erst als etwa eine halbe Stunde vor Schluß ein weiterer Fan in kompletter Boca-Montur die Gegengerade betrat, waren wieder Gesänge zu hören. Der Neuankömmling, offenbar gerade erst in den Tag gestartet, und wie sich später herrausstellte direkt hinter dem Stadion wohnend, animierte die restlichen Jungs, indem er die Fahnen schwang und Gesänge anstimmte. Der Rest zog mit. Man bezog wieder den Platz auf Höhe der Mittellinie und sang bis zum Schluß durch, auch wenn zwischendurch die Trommel die Tribünenstufen hinunterpurzelte. Die beste Stimmung herrschte natürlich nach dem Anschlußtreffer, als auch auf der Haupttribüne kurzzeitg Gesänge zu hören waren. Der Torjubel zum Anschluss fiel sehr laut aus, vorher hatte man sich doch meist kopfschüttelnd resigniert gezeigt. Am Ende wurde das Team trotz der Niederlage mit Applause verabschiedet. Die üblichen Flüche und Schmährufe von Zaunstehern und Tribünengästen sowie die Gesänge der Barra waren übrigens exakt dieselben wie in jedem anderen Stadion Argentiniens auch - einzig die Choris wichen von der Norm ab: sie waren extra lecker und gelten nicht umsonst unter Insidern als mit die besten Stadion-Choris im Ascenso.

 

Auf dem Feld zeigte sich zunächst eine niveauarme Partie, wobei die Gäste sich als konzentrierter und besser im Spielaufbau zeigten. Somit war zwar die 2:0-Pausenführung nicht unverdient, aber dennoch etwas zu hoch. Im zweiten Durchgang kamen die Gastgeber besser ins Spiel, agierten in Strafraumnähe aber meist zu einfallslos. Immerhin gaben sie zu keiner Zeit auf und domierten nun das Spiel, konnten aber nur noch den Anschluss herstellen. Die Gäste feierten letztlich nicht unverdient ihren ersten Auswärtssieg in der Saison.

 

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Deportivo Armenio 1:2 Deportivo Merlo, Estadio Armenia, Ingeniero Maschwitz (GBA Nord), Sonntag, 19.04.2015, 13:00, 11. Spltg. Primera B 2015

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