Der Prinz aus Uruguay
14.11.2009 - Enzo Francescoli zum 48.
Er galt als einer der elegantesten Fussballer, die es je gab. Anlässlich seines Geburtstags werfen wir einen Blick auf die Karriere des Mannes, den in Argentinien alle nur den Prinzen nennen.
von Christian Piarowski
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Es läuft bereits die Nachspielzeit an diesem 8. Februar 1986. Der große Traditionsverein River Plate tut sich schwer gegen die Gäste aus Europa. Da landet der Ball auf der Brust des Spielers mit der Nummer Neun. Der lässt den Ball kurz abtropfen und zimmert ihn mit einem wuchtigen Fallrückzieher von der Strafraumgrenze in die Maschen. Der Schütze jubelt, als bedeute dieses Tor den Gewinn des Weltpokals. Enzo Francescoli hat gerade den vermutlich schönsten Treffer seiner Karriere erzielt - und den wohl unbedeutendsten. Ohne dieses spektakuläre Tor würde sich heute sicher niemand an das Spiel River Plates gegen die polnische Nationalelf erinnern. Dass Francescoli auch in Freundschaftsspielen bis zur letzten Minute alles für seinen Verein gab und selbst unwichtige Tore so leidenschaftliche feierte, machte ihn zum Idol bei den Fans von River Plate.
Denn um Kultstatus zu erlangen, bedarf es beim dem Klub aus Buenos Aires mehr als nur überdurchschnittliches Talent - erst Recht, wenn man von der anderen Seite des La Plata-Flusses kommt. Enzo Francescoli Uriarte wurde am 12. November 1961 in der uruguayischen Landeshauptstadt Montevideo geboren. Das Fußballspielen erlernte er auf der Straße, sorgte bereits in der Schulmannschaft für Aufsehen. Als Enzo eines Tages krank dem Unterricht fernbleiben musste, beruhigte der Lehrer die verlegenen Eltern, dass dies überhaupt kein Problem wäre. Viel wichtiger sei es nämlich, dass er am Wochenende zum entscheidenden Spiel der Schulmannschaft wieder fit ist.
Zu klein und zu schmächtig
Vom Vater hatte Enzo die Leidenschaft für den populären Klub Peñarol »geerbt«. Doch dort schickten sie ihn genauso wie bei River Plate Montevideo nach einem Probetraining fort. Zu klein, zu schmächtig sei der Knirps, hieß es. Erst der kleine Klub Montevideo Wanderers nahm Francescoli in die Jugendmannschaft auf, nachdem ein dort kickender Schulfreund Enzo dem Trainer empfohlen hatte. Dieser zeigte sich angetan von seinem neuen Schützling, der ihm die Arbeit erheblich erleichterte, da er vielseitig einsetzbar und kaum vom Ball zu trennen war. Wie ein Mitspieler erzählt, verliefen die Taktikbesprechungen fortan ziemlich simpel: »Ihr erobert den Ball und passt ihn dann zu Enzo. Das ist alles.«
Schon bald ging auch in Argentinien die Kunde um, dass bei einem kleinen Klub in Montevieo ein Ausnahmetalent Aufsehen erregte. Als 21-Jähriger wechselte Francescoli zu River Plate Buenos Aires. Der populäre Verein befand sich in einer Krise und suchte Hände ringend nach einer Blutauffrischung, mit der den Ansprüchen des Klub genüge getan werden konnte. Die Erwartungen an den jungen Uruguayer waren dementsprechend groß. Doch dieser wiegelte ab: »Ich glaube, dass ich mit meinem Stil gut zu River passe. Ich habe vor der Aufgabe keine Angst, aber es gibt hier viele gute Spieler. Ich bin nicht der Retter.«
Er sollte Recht behalten – zunächst. Denn die Anfangszeit bei River verlief für Francescoli alles andere als leicht. Nur wenige Wochen nach seinem Debüt lösten finanzielle Probleme einen Streik der Spieler aus. Auch wenn dieser bald beendet werden konnte, war das Verhältnis zwischen Fans und Kickern in der Folge vergiftet. Die Anhänger beschimpften und verhöhnten die Spieler als Abzocker. Als Francescoli nach einer Auswechslung vom Trainer mit einem Tritt in den Allerwertesten vom Platz geholt wurde, spendeten die Zuschauer Applaus, beschimpften den Uruguayer gar als Landstreicher und Dieb. River beendete die Meisterschaft als Vorletzter. Francescoli plagte das Heimweh.
Abschiebung nach Kolumbien
Als für die neue Saison sein Landsmann Luis Alberto Cubilla, seines Zeichen ebenfalls Idol des Vereins, als Trainer engagiert wurde, schien Francescolis Zeit bei River bereits beendet. In den Planungen Cubillas spielte er keine Rolle. Doch als man ihn nach Kolumbien abschieben wollte, weigerte sich Francescoli. »Ich kam zu River, um hier zu triumphieren und ich bin sicher, das werde ich. Das ist eine Sache der Ehre.« Ohne ein Wort über das angespannte Verhältnis zum Trainer zu verlieren, spielte er auch auf ungeliebten Positionen.
Doch der Durchbruch gelang erst unter Hector Rodolfo Veira, der ihn als Stürmer einsetzte. Francescoli verzückte in der Folgezeit die Anhänger mit seiner eleganten Spielweise und weil er auch die wichtigen Tore schoss. Etwa beim beim 3:0 Sieg gegen Velez Sarsfield im März 1986 mit dem River sich die Meisterschaft fünf Spieltage vor Schluss sicherte. Da feierten sie ihn schon längst als ihren Prinzen, »el principe«. Den Namen gab ihn sein Landsmann, der Reporter Víctor Hugo Morales. »Damals hatte ich einen Ohrwurm vom Tango Príncipe. Francescoli machte ein Tor, und ich habe spontan eine Zeile des Textes wiederholt: 'Príncipe soy, tengo un amor y es el gol' (Ich bin ein Prinz und meine große Liebe ist das Tor). Der Spitzname passte perfekt zu diesem melancholisch und traurig wirkenden Mann, der sich wirklich etwas bewegte wie ein Prinz«, erklärt der Journalist.
Wie alle, die in Südamerika den Durchbruch schafften, wechselte der Prinz 1986 nach Europa. Seine erste Station, Racing Club Paris, sah er als Sprungbrett nach Italien, dem Land seiner Großeltern. Doch der Vereinspräsident Jean-Luc Lagardère, der ein Starenemsle aufbauen wollte, ließ ihn nicht ziehen, obwohl der sensible Uruguayer unglücklich war. Drei Jahre musste Francescoli bleiben. Der Sensible vermisste sein Heimat, die Leidenschaft der Fans und das Spielen vor vollen Rängen, denn bei Racing kamen meist nur 5000 Zuschauer. »Ich kann den Fußball nicht einfach als Arbeit ansehen und mich mit meinem großen Gehalt und dem Mercesdes Benz zufrieden geben. Ich brauche das Gefühl, dass der Fußball etwas Wichtiges für die Fans ist. Aber hier verlierst du 0:3 und niemand regt sich darüber auf.«, äußerte sich der unzufriedene Prinz in argentinischen Medien.
Dennoch konnte er sich in den Vordergrund spielen, wurde von den Spielern zum wertvollsten Ausländer der Liga gewählt. Ein Junge namens Zinedine Zidane war damals einer seiner größten Bewunderer. Jahre später tauschten die beiden die Trikots. Zidane soll von dem Leibchen im Trainingslager bei der WM 1998 kaum zu trennen gewesen sein und gab einem seiner Söhne den Namen Enzo als Hommage an sein Idol.
Zidane ist sein größter Verehrer
Der Sprung nach Italien gelang Francescoli schließlich über den Umweg Olympique Marseille. Allerdings spielte er in der Serie A nur bei den unbedeutenden Vereinen Cagliari Calcio und FC Turin. Bei beiden Klubs eroberte er mit seiner eleganten und zugleich energischen Spielweise schnell die Herzen der Fans. Der Sprung zu den großen Klubs blieb ihm aber verwehrt, ein Grund warum sein Name in Europa weniger bekannt ist als die anderer Spieler aus Südamerika.
1994 kehrte Francescoli wieder zu River Plate zurück, so wie er es den Fans vor seinem Weggang versprochen hatte. Noch vier Jahre spielte der Prinz für River, gewann dabei alles, was es auf dem Kontinent zu gewinnen gab. Mit der Nationalmannschaft Uruguays nahm er an zwei WM-Endrunden teil, gewann dreimal die Copa America. Dennoch erlangte er in seiner Heimat lange Zeit nicht denselben Kultstatus wie in Argentinien. Das änderte sich erst, als Francescoli im Copa America Finale 1995 gegen Brasilien im erfolgreichen Elfmeterschießen sicher verwandelte, obowhl er sich in den letzten Spieminuten den Arm verrenkt hatte und die Partie unter großen Schmerzen beendete. Es war der bisher letzte Titelgewinn der »Himmelblauen«.
Als Francescoli sein Abschied von der Fußballbühne nahm, trauerten nicht nur die Fans von River Plate um den Verlust eines Idols. Der »Prinz« war einer der wenigen Spieler, der es in Argentinien schaffte, von den Fans aller Klubs zugleich respektiert und gemocht zu werden, da er trotz seines Status als Star stets bescheiden und umgänglich blieb.
Nach seinem Karriereende gründete Francescoli zusammen mit seinem Freund und ehemaligen Manager Paco Casal in Miami den bilingualen Fussballsender GolTV, für den er noch immer als Vizepräsident tätig ist. Danach befragt, ob er nicht gern als Trainer zum Fußball zurückkehren würde, antwortet der heute 48-Jährige: »Tatsächlich ist mir im Moment überhaupt nicht danach. Ich bin mit einer anderen Art von Arbeit beschäftigt und habe keine Zeit, mich darauf vorzubereiten. Wenn ich das einmal tun würde, dann bei River Plate oder der uruguayischen Nationalmannschaft, den beiden großen Lieben meines Lebens.«



