Ein Riese erwacht: Talleres - San Martin (T)

04.04.2013 - Vor Ort im Torneo Argentino A (3. Liga Interior)

Wer ist der größte Verein der Stadt? Beim Spiel gegen San Martín bewiesen die Talleres-Fans, dass sie mit zu den Großen in Argentinien zählen.

von Christian Piarowski

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Cordoba ist mit 1,3 Millionen Einwohnern eines der wichtigsten kulturellen und wirtschaftlichen Zentren und hat als solches natürlich mehr als nur einen Fußballverein. Neben den üblichen kleineren unbedeutenen Barrio-Klubs gibt es vier große Vereine, auf die sich die Sympathie der Fußballanhänger verteilt. Dies wären Racing (Cba), Instituto, Belgrano und Talleres. Letztere kann man durchaus als die beiden größten bzw. populärsten Klubs der Stadt bezeichnen, wobei ein solcher Schwanzvergleich natürlich immer viele, viele Diskussionen auslöst. Vor, während und nach dem Spiel gegen San Martin de Tucuman jedenfalls haben die Talleres-Fans eindrucksvoll bewiesen, dass sie in Sachen Anhängerschaft nicht nur zu einem der größten Vereine in der Stadt, sondern auch zu einem der größten Vereine in Argentinien gehören.

 

"Alles verboten" wird zur Mode

Auch in Argentinien führen sie ihren Kampf gegen die berüchtigten Bengalo-Hools. Als beliebtes Mittel seitens der Obrigkeit hat sich dabei in der aktuellen Saison das Verbot von allem Möglichen durchgesetzt. So sind etwa in Argentiniens Hauptstadt seit Saisonbeginn sämtliche Fanutensilien verboten, die größer als 2x2m sind. Also Blockfahnen, Streifen, Lappen etc., auch wird immer wieder gefordert, dass die Trommeln durchsichtig sein müssen und ähnliches. Die Argumentation ist global: hinter den Bannern würde anonym gezündelt werden. Interessanterweise hat sich das ganze durchgesetzt. Wer daher in Argentinien noch etwas bunte Folklore sehen wollte, musste zuletzt die Hauptstadt verlassen, denn in der Provinz war alles wie früher. Es reichte, den Riachuelo zu überqueren, um etwa bei Racing oder in Lanus das gewohnte Bild zu sehen, während bei San Lorenzo etwa nichts mehr zu sehen war.

 

Nun kam für das Spiel von Talleres gegen San Martin das "Verbot von allem Möglichen" auch nach Cordoba mit der Begründung, dass in der Vergangenheit Spiele zwischen Cordobeser und Tucumanos stets problematisch verlaufen seien. Konsequenterweise wurden für das Spiel daher auch kurzfristig die Gästefans verboten, die in den Ligen des Interiors noch immer erlaubt sind. Als Protest gegen die Sicherheitsmaßnahmen, vor allem gegen das Verbot von Barra-typischen Fanutensilien organisierten die Talleresfans am Abend vor dem Spiel einen Fahnenumzug (Banderazo) im Stadtzentrum von Cordoba, bei dem sich zugleich auf die Partie eingesungen wurde. Geholfen hat es nichts, das Verbot blieb bestehen.

 

Dennoch fieberte die Fangemeinde dem Spiel mit großer Erwartung entgegen. Denn nach 4 Jahren im Torneo Argentino A, der 3. Liga für Vereine, die nicht direkt AFA-Mitgleid sind (praktisch alle, die nicht im Großraum GBA-La Plata & Rosario angesiedelt sind), standen die Chancen für Talleres auf eine Rückkehr in die 2. Liga günstig wie lange nicht mehr. Der Klub hatte sich relativ souverän für die Endrunde qualifiziert, dort die Auftaktspiele gewonnen und einen günstigen Fixture erwischt mit allen schweren Gegner daheim (Endrunde wird nur mit Hinspiel ausgetragen). Bei einem Sieg gegen die ebenfalls gut gestarteten Santos aus Tucuman wäre die Meisterschaft für Talleres praktisch nur noch Formsache.

40.000 in Liga 3

Kein Wunder also, dass der Ticketverkauf boomte. Es wurde ein volles Mario Kempes erwartet, ehemalige WM-Stätte und das größte Stadion Cordobas, in das die heimischen Vereine bei wichtigen bzw. Risikospielen ausweichen müssen. Anders als vielfach zu lesen und von vielen Fans erhofft, gingen die Karten für die leer bleibende Gästekurve nicht in den Verkauf, weshalb viele Fans auf die teuren Tribünenkarten ausweichen mussten. Nichtsdestotrotz kamen über 40.000 Zuschauer zu diesem 3.-Liga-Spiel.

 

Draußen blieb einzig die Barra, die die gesamten ersten 45. Minuten gegen die erwähnten Verbote protestierte. Der Stimmung im Stadion tat das keinen Abbruch. Unkoordiniert, aber lautstark unterstützten die Fans ihr Team. Als nach dem Anpfiff zum 2. Durchgang die Barra einmarschierte fing das Stadion dann an zu beben. Für 10 Minuten herrschte Gänsehautatmosphäre. Danach spulte die Barra ihr Programm ab, und die umstehenden Fans in der Popular sangen weniger häufig mit als in Halbzeit 1. Wenn auch der Support in den ersten 45 Minuten mit Lücken erfolgte, insgesamt sorgten die spontanen, lauten von allen, d.h. auch auf den Geraden gesungenen Lieder, für eine packendere Stimmung als der spätere Dauersupport mit Trommeln seitens der Barra.

 

Das Spiel endete schließlich mit einem leistungsgerechten Unentschieden. Talleres sollte nocht ein wenig warten müssen, wurde aber schließlich Torneo-A-Meister und spielt nächste Saison in der Nacional B (2. Liga). Nach vier Jahren, kehrt damit einer der großen Vereine zurück, der einfach für die 3. Liga zu groß ist und der die 2. Liga beleben wird. Beim Spiel gegen San Jorge Tucuman, in dem die Meisterschaft schließlich perfekt gemacht wurde, kamen 60.000 ins Kempes. Damit hatte Talleres dann endgültig gezeigt, dass sie mehr Fans bewegen können als so manch selbst ernannter Großer aus dem GBA.

 

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Talleres 1:1 San Martín (T), Estadio Mario A. Kempes, Córdoba, 3. Spltg. Undecagonal, Sonntag, 18:00, 31.03.2013- Zuschauer: 40.000, davon 0 Gäste

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