Echt clásico: Atlético - Sportivo

06.05.2018 - Clásico de Puerto Santa Cruz

Die Stadt steht still, wenn zwei der ältesten Vereine Patagoniens gegeneinander antreten. Fotos + Bericht

von Christian Piarowski

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Der 4000 Einwohner zählende Ort Puerto Santa Cruz ist Heimat des ältesten, aktiven Fußballvereins Patagoniens: des 1911 gegründeten Club Sportivo Santa Cruz. Doch auch der einzige Lokalrivale, der Club Atlético Santa Cruz, kann mit 95 Jahren (1923) eine lange Historie vorweisen.

 

Beide Vereine sind die Rekordsieger der 1968 ins Leben gerufenen Liga de Fútbol Centro, obwohl andere teilnehmende Städte mehr Einwohner vorzuweisen haben. Das Aufeinandertreffen beider Vereine kann also mit Fug und recht als wahres Clásico bezeichnet werden. Die Rivalität zwischen Atlético und Sportivo teilt zudem die Stadt in zwei Lager, vergleichbar etwa mit Rosario, auch wenn das Ganze dort natürlich nochmals eins, zwei Nummer größer ist.

 

Doch auch in Puerto Santa Cruz herrscht allerorts Fußballfieber, wenn das Superclásico ansteht, wie das Duell zurecht bezeichnet wird. Zurecht, denn in anderen, vergleichbaren Orten des Südens ist kaum eine ähnliche intensive Fußballbegeisterung zu spüren. Tage vor und Tage nach dem Duell hört man nahezu an jeder Ecke Kommentare zum Spiel, zu Spielern, zum Schiri, zum Rasen und zu den erwarteten Wetterbedingungen und zu historischen Schlachten.

 

Beide Vereine haben natürlich auch ihre eigene aktive Fangruppe. Während sich die Barra Sportivos auf dem Gelände des ehemaligen, mittlerweile in Ruinen liegenden Stadions traf (das neue liegt am Stadtrand), dort grillte, die Zaunfahnen präsentierte, sich einsang und trommelte, taten die Jungs von Atlético Selbiges direkt neben ihrem Stadion. Schon beim Spiel der Reservemannschaften wehte von dort des öfteren Rauch über die Mauer ins Stadioninnere. Es war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen sollte.

 

Einem Superclásico entsprechend waren auch die Sicherheitsvorkehrungen. Immerhin hatte das Spiel aufgrund der Rivalität in der Vergangenheit bereits öfter schon mal abgebrochen werden müssen und einmal musste gar der Bischof von Santa Cruz schlichtend eingreifen. Das liegt zwar etwa 85 Jahre zurück, dennoch mussten für das 2018er-Clásico alle, die im patagonischen Winteranfang das Spiel aus der wärme des eigenen Autos heraus verfolgen wollen, dieses schon schon um die Mittagszeit, also mehre Stunden vor Anpfiff im Stadion abstellen.

 

Dazu gab es ein üppiges Polizeiaufgebot inklusive Hunde und ein halbes Dutzend bulliger Sicherheitsleute mit Skimasken. Das war dann doch selbst für die älteren Zuschauern, die vermeintlich bereits allles erlebt hatten, etwa Neues und sorgte ein wenig für Erstaunen. Während die meisten Zuschauer, die frühzeitig kamen, ohne große Kontrollen ins Stadion durften, wurden die Barras einzelnt eingelassen, an die Wand gestellt und abgetastet.

 

Auch auf den Tribünen sollte das Gebotene den Erwartungen, die so viel Clásico-Gerede weckte, mehr als gerecht werden. Zwar war zu hören war, dass früher die Tribünen brechend voll und mehr los gewesen sei, aber dieses Früher ist nun mal auf der ganzen Welt einfach ein verflixtes Ding. In der Gegenwart jedenfalls boten beide Seiten etliche Zaunfahnen und zum Intro viel Papier sowie Rauch. Dazu legten die Jungs und Mädels hinter beiden Toren von Beginn an einen lautstarken Support hin.

 

Erst nach etwa einer halben Stunde wurde es etwas ruhiger, was dem engen, umkämpften Spielverlauf, ohne große Messi-artige Highlights geschuldet gewesen sein mag, aber vor allem auch den mit jeder Minute sinkenden Temperaturen. Das Spiel hatte mit Verspätung begonnen, und wenn es auch anfangs gar nicht so kalt war, je tiefer die Sonne stand, desto kälter wurde es. Immerhin war im Süden bereits Winteranfang und nachts froren schon die Pfützen zu. Doch dann fiel kurz vor Pausenpfiff das erste Tor für die Gäste, was wie ein Wegruf für beide Seiten wirkte. Das eigene Team pushen, den Gegner dissen, alles laut und abwechslungsreich vorgetragen sowie optisch untermalt von Blockfahnen und viel, viel, viel Rauch, sollte auch in der zweiten Halbzeit das Leitmotiv sein und von zunehmend einfrierenden Füßen und extremen Gliedmaßen ablenken.

 

Während die Jungs von Sportivo vor allem mehrfach ihre Blockfahnen präsentierten und ab und an etwa grünen Rauch aufstiegen ließen, verhüllte La 77 immer wieder ihre Tribüne in roten Rauch. Die letzte halben Stunde stiegen Rauchsäulen quasi im Minutentakt in den Himmel, der sich allerdings zunehmend von alleine rot färbte.

 

Auf dem Rasen wurde verbissen gekämpft. Beide Teams zeigten sich auf Augenhöhe, während die Gäste letztlich einfach abgeklärter vor dem Tor agierten und in der Schlussphase, vor allem nach dem Anschlusstreffer und dem damit drohenden Ausgleich sich in jeden Ball warfen. Da ging es dann auch Derby-typisch nicklig zu, sodass letztlich auch der für ein Clásico obligatorische Platzverweis zustande kam.

 

Der Sieg wurde dann von den Grün-Weißen ausgelassen gefeiert, auch wenn keine Chance mehr auf die Meisterschaft bestand. Doch hätte vor dem Spiel hätte niemand mit diesem Erfolg als Gast gerechnet, war doch Atletico bis dahin in allen fünf Spielen siegreich gewesen und hatte lediglich erst einen Treffer kassiert – und den auch noch per Elfmeter. Kein Wunder also, dass die Fans von Sportivo den Sieg noch mit einem ausgelassenen Autokorso feierten.

 

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Atlético 1:2 Sportivo, Estadio de Atlético, Puerto Santa Cruz (Provincia de Santa Cruz), Sonntag, 06.05.2018, 16:30, 7. Spltg., Apertura 2018, Liga de Fútbol Centro Santa Cruz - Clásico de Puerto Santa Cruz

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