Dauerdoppelpack: 3. Liga + Alte Herren

24.03.2019 - Liga Independiente de los Barrios

Die Liga Barrial de Río Gallegos als Zuschauermagnet - Teil 2. Fotos + Bericht

von Christian Piarowski

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Ein wunderschöner, sonniger Spätsommersonntagnachmittag bot den passenden Rahmen für einen langen Fußballnachmittag in Río Gallegos. Neben den Spielen von Jugend- und Herrenteams der offiziellen Liga zog es die meisten Fußballbegeisterten der Stadt dabei zu den Partien der Asociación Independiente de Fútbol de los Barrios de Río Gallegos, kurz: A.I.F.B., der unabhängigen Stadtliga. In dieser versammelten sich in der Saison 18/19 allein in der Kategorie "Herren" 84 Teams, aufgeteilt in vier Ligen mit je 21 Mannschaften, inklusive entsprechendem Auf- und Abstiegskampf. Dazu kamen bei den Frauen jeweils etwa 10 Teams in zwei Ligen, ebenfalls etwa jeweils 10 Teams in vier nach Alter gestuften Jugendabteilungen sowie nahezu jeweils 20 Teams in den Kategorien „Senior“ (Alte Herren) und Super Senior (Ü45).

 

Viele Teams, vor allem in der Kategorie "Herren", sind vergleichbar mit einfachen Freizeitteams, sind also nicht Vertreter von "echten" Vereinen, also eingetragenen Institutionen mit Sitz und Präsident. Aber auch die gibt es in der A.I.F.B. Nicht wenige, wie etwa Martín Güemes. Der nun bereits über 30 Jahre alte Verein hat erst kürzlich sein eigenes Vereinsheim bauen können und strebt als nächstes Ziel das eigene Spielfeld an.

 

Die allermeisten Teams tragen ihre Spiele in den Stadien oder Spielfeldern des unabhängigen Liga aus. Die beiden Prunkstücke sind ganz klar die mit Flutlicht versehenen Estadio Enrique Pino und das erst tags zuvor neu eröffnete, gleich daneben liegende Estadio Nora Vera. Beide haben Kunstrasen und sind wie fast alle "Canchas" in Río Gallegos, also auch jene der offiziellen Liga, Spielfelder hinter immens hohen Zäunen mit ein paar Sitzgelegenheiten rundum, die sie eher Käfigen, "Cages" ähneln lassen. Auf jeden Fall steht die Liga Barrial infrastrukturell kaum hinten an.

 

Auch unterscheidet sich die A.I.F.B. von anderen vergleichbaren Institutionen in Argentinien - und jede mehr oder weniger große Stadt hat ihre Liga Independiente oder eben Barrial, neben mitunter noch weiteren "echten" Freizeitligen. So sind selbst bei Spielen der 3. oder 4. Liga, also im Unterhaus, Schiris mit ordnungsgemäßer Ausstattung anwesend und auch die Spieler haben entsprechende, eigene Kluft in den Vereinsfarben. Andernorts nutzen der Linienassistenten zum Anzeigen einer Abseitsposition gerne auch mal einen einfachen Lappen. Klar: jegliche Ausrüstung kostet Geld und das ist logischerweise in einer Barrio-Liga noch knapper als in den meist finanziell ohnehin nicht gesegneten offiziellen Amateurligen.

 

Doch auch dies ist in Río Gallegos eben etwas anders. Dort bekommt die Liga Unterstützung von der die Gewerkschaft der Erdölarbeiter des privaten Sektors, deren Mitglieder logischerweise gleich mit mehrere Teams vertreten sind. Dies ermöglichte die Finanzierung eines Liga-eigenen Gebäudes an der Cancha Enrique Pino mit Büroräumen, Umkleiden und Duschen.

Laut der Gewerkschaft gilt dieses Sponsoring als Wahrnehmung der sozialen Pflichten, ohne die es in Rio Gallegos weniger Freizeitmöglichkeiten gäbe. Zwar gibt es in der Stadt beachtlich viele Sportvereine, die neben Fußball auch andere Sportarten für alle Altersgruppen anbieten, wie Hispano Americano mit einem Männerteam in der 1. Basketballliga Argentiniens oder Atlético Boxing Club als einer der besten Kaderschmieden im Süden, das auch Sportarten wie Newcom, Aerobic, Hockey und vieles mehr im Angebot hat. Aber auch, wenn im sportbegeisterten Argentinien jede Sportart ihren Zulauf hat und nicht wenige Sportbegeisterte gleich mehre Sachen parallel betreiben, ist nun mal Fußball die Nummer Eins.

 

Und da scheint das Angebot der gerade mal sechs Vereine der offiziellen Liga eben nicht ausreichend, auch wenn sie als Institution und nur ihre deren Vereine Mitglieder des Consejo Federal und somit indirekt Mitglieder der AFA sind. Zum einen aus ganz einfachen mathematischen Gründen: bei sechs Teams spielen an einem Wochenende mit regulärem Ligabetrieb gerade einmal 66 Spieler von Beginn an – zu wenig für das fast 100.000 Einwohner zählende Rio Gallegos.

 

Doch damit allein begründet sich der Erfolg der Liga Barrial natürlich nicht ausschließlich. Eine gängige Meinung, die man in der Stadt zu hören bekommt, ist, dass es Spielern und Zuschauern auf die Dauer zu langweilig sei, immer nur die gleichen Spiele zu haben, in einer Liga ohne Spannung, da der Meister zuletzt immer recht früh feststand.

Eine andere, eher aus dem Umfeld der offiziellen Liga zu hörende Begründung dagegen ist, dass die geringeren Ansprüche in der Barrial viele locke, so müssten sich die Spieler dort eben nicht regelmäßig im Training quälen, ja gar regelmäßig erscheinen.

Andererseits trifft man auch auf ehemalige Spieler, die ohne Unterschied ihre Stationen aufzählen und dabei keinerlei Unterschied zwischen den beiden Ligen machen.

 

Was auch immer. Die Liga boomt, was an der von Jahr zu Jahr ansteigender Zahl an Teams und vor allem auch Fans zu sehen ist. Für neue und auch länger schon existierende Vereine ist eine Teilnahme auch deutlich leichter als am Afa-weiten Ligasystem. Die Voraussetzungen für den Beitritt zur A.I.F.B. sind geringer, etwa bei der erforderlichen Infrastruktur. Zudem verlangt die AFA von ihren Mitgliedsvereinen ein ordentliches Sümmchen. Darüber hinaus müssen bei Spielen in der offiziellen Liga, die Vereine die Kosten für die vorgeschriebene Polizeieinsätze stemmen. Die Liga Barrial kommt ohne Staatsschutz aus. Aus Fansicht ist das ähnlich, Auf- und Abstiegskampf gibt es nicht in er offiziellen Liga, wo in den letzten Jahren zudem die Meisterschaft bereits früh entschieden wurde, immer mit dem gleichen Ergebnis: der ambitionierte Atlético Boxing Club verteidigt den Titel.

 

Es kommen also mehrere Faktoren zusammen, was den Zuspruch und Zulauf, also den Erfolg der Barrial ausmacht. Die hier und in den vorherigen Artikeln genannten Argumente sind mit Sicherheit noch nicht ausreichend.

 

Natürlich sind die Vorgänge in der A.I.F.B. Fußballfachkreisen nicht verborgen geblieben. So versucht die offizielle Liga eine Zusammenarbeit, wie zuletzt mit einem gemeinsamen Turnier, die Copa Ciudad. Dort maßen sich Im Dezember 2018 erstmals die besten beider Ligen. Zwar gewann auch da der in der Vorbereitung fürs Federal steckende steckende Boxing Club, aber bei weitem nicht so dominant, wie man das erwarten haben mochte.

 

Doch gar noch von viel weiter oben, von der absoluten Elite, wird ein Auge auf die Liga und ihre Nachwuchsarbeit geworfen. Regelmäßig mach die großen Vereine aus Buenos Aires Sichtungslehrgänge im ganzen Land. Gerade in den entlegenen Regionen können sich Familien die Anreise und Aufenthaltskosten für ein Probetraining ihre Sprösslinge nämlich gar nicht leisten. Normalerweise wird das in der Zusammenarbeit mit den offiziellen Ligen gemacht, also nur Kids aus AFA-Vereinen haben Zugang. Aber in Río Gallegos war beispielsweise bereits River Plate vor Ort, um sich die Nachwuchskicker der Barrial anzusehen.

 

Aber wie sah das vor Ort aus?

Doch zurück zu diesem schönen, windstillen und milden Spätsommertag. Es standen in der neueröffneten Cancha Nora Vera Nachholspiele der Primera C, der 3. Liga, an und auf dem Hauptplatz Enrique Pino die Viertelfinale der Alten Herren. Das mochte nicht sonderlich attraktiv klingen doch, doch bereits ab 12 Uhr mittags bahnte sich trotz der frühen Stunde ein Fußballfest an.

Es gab Gesänge, Getrommel, Zaunfahnen, teilweise Intros mit Rauch und Papier. Natürlich hatte nicht jede Mannschaft eine gleich Anzahl an Fans aufzuweisen, so wie in jeder Liga, und natürlich rekrutierte sich ein Großteil der Anhänger aus Familienangehörigen und Freunden – wie eben in jeder Liga. Und so wie das Publikum beim Finale der U-18 am Vortag eher jugendlich war, war es auch hier tendenziell eher gleich alt, also etwas Senior.

 

Wenn ein Spiel vorbei war, wechselten einige Fans durch, während die Teams sich warm machten. Aber nicht alle Anwesenden waren unbedingt zwingend an einem bestimmten Team interessiert und wechselten mal von der einen zurück zu der anderen Cancha. Es war sogar möglich zwei Spiele parallel zu verfolgen - und zwar den ganzen Nachmittag über. Alte Herren und 3. Liga im Dauerdoppelpack also. Dafür brauchte man sich nur auf den Weg zwischen beiden Spielplätzen zu stellen. Von dort gab es auch Blicke auf den Mündungstrichter des Rio Gallegos und für gute Augen auch aufs Meer. Für Verpflegung sorgte ein Imbisswagen oder man konsumierte Mitgebrachtes. Falls der Proviant ausging gab es einen durchgängig offenen Kiosk, etwa 50 Meter entfernt, wo man auch Bier bekam, was ohne Weiteres am Zaun getrunken erden konnte und wurde. Eintritt war keine zu zahlen. So herrschte natürlich ein regelmäßiges Kommen und Gehen, aber immer war was los.

Diese entspannte, ungezwungene Atmosphäre macht sich ebenfalls einen wichtigen Unterschied zur den offiziellen Ligen, wo Alkohol verboten, (offiziell zumindest), Eintritt zu zahlen und nach 90+15 Minuten Schluss ist.

 

Ein Fußballfest war es also, was sicher auch etwas von dem tollen Wetter und der Euphorie um die tags zuvor eröffnete Cancha lebte. Bei dem Herrenspiel der offiziellen Liga zwischen Defensores und Unión ging es dagegen deutlich ruhiger zu.

 

Allerdings dann doch nicht ganz ohne Schatten. Zwei Spiele der Alten Herren mussten abgebrochen werden, da Spieler die Schiris attackierten, welche hier ohne Polizeischutz auskommen, auf das beherzte Eingreifen von Spielern und Betreuern hoffen oder sich selbst wehren müssen. Alles blieb aber im Rahmen, ohne dass der berühmte Funke auf die Fangruppen übersprang und hinter den Zäunen für ähnliche Szenen sorgen sollte. Eher für Kopfschütteln und Amüsement.

 

Irgendwann war die Sonne verschwunden und viele der Familien mit Kindern. Es wurde langsam kalt, doch viele bleiben noch. Auf eine weiteren Schwatz, für ein weiteres Spiel, bis gegen 22 Uhr dieses lange Fußballwochenende in Río Gallegos sein Ende fand.

 

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Asociación Independiente de Fútbol de los Barrios de Río Gallegos, Sonntag, 24.03.2019, Estadio Enrique Pino, 12-22hs: Viertelfinale Seniors 18/19 & Estadio Nora Vera: 12-20hs, Nachholespiele Primera C (3. Liga)

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