Clásico a la pimienta: Estudiantes - Juventud U.U.
25.02.2014 - Vor Ort im Torneo Argentino A (3. Liga Interior)
Das clásico puntano zwischen Estudiantes und Juventud Unida Universitaria verlief reichlich gewürzt mit allerlei leckeren Zutaten, die so ein Derby braucht.
von Christian Piarowski
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San Luis liegt ca. 10-11 Busstunden bzw. knapp 800km westlich von Buenos Aires. Die Provinzhauptstadt, ein wichtiger Industriestandort im Lande, hat optisch für den Reisenden erstaunlich wenig zu bieten. Das gilt auch für Unterkünfte und Restaurants. Es gibt in der Umgebung aber einige nette Ausflugsziele, die sich am besten mit einem Mietwagen erkunden lassen. Dank der sehr netten Einwohner kann man nichtsdestotrotz ein angenehmes Wochenende in San Luis verbringen, vor allem, wenn sich dies mit der Vorfreude auf ein Clásico verbinden lässt.
Viel Wirbel vor dem clásico
Das clásico puntano zwischen Estudiantes und Juventud Unida Universitaria stand in dieser Saison bereits zum dritten Mal an. Einmal stieg es in der Hinrunde und einmal im Rahmen der Copa Argentina. Vor dieser Saison hatte es allerdings das clasico 12 lange Jahre nur in der Lokalliga gegeben. 2001 war das letzte Mal, dass sich die Vereine in einem AFA-Turnier gegenüber gestanden hatten. Estudiantes gelang erst in der letzten Saison der Aufstieg ins Argentino A, während Juventud dort bereits seit Jahren Stammgast ist.
Wie es oft vor clásicos der Fall ist, sorgte auch in San Luis das Spiel bereits Tage vor Anpfiff für Gesprächsstoff. Dabei veranstaltete den größten Wirbel der Präsident von Estudiantes, Carlos Ahumada. Dieser weigerte sich in das moderne Stadion der Provinzverwaltung in La Punta umzuziehen, sondern wollte erzwingen, dass Estudiantes im eigenen Stadion, dem Coliseo, spielen durfte. Dies hätte zur Folge, dass lediglich Heimfans zugelassen würden, da sonst die Polizei nicht mitspielte. Dies sorgte für Erstaunen und auch Unverständnis in der breiten Öffentlichkeit, nicht nur beim Gegner Juventud. Juve hatte in der Hinrunde nämlich darauf verzichtetet, im eigenen Stadion (Estadio Mario Sebastián Diez) zu spielen und dem Umzug ins Estadio Gilberto Funes zugestimmt. Das Spiel wurde damals von ganz San Luis gefeiert als landesweites Beispiel dafür, dass ein clásico mit beiden Fanlagern ohne Probleme möglich sei, schließlich war alles reibungslos abgelaufen.
Gästefans erlaubt
In der Tat bietet das Estadio Provincial Juan Gilberto Funes alles, um eben einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Die Zufahrtswege aus der Stadt zum Stadion können nach Fanlagern abgetrennt werden, so wie auch die Parkplätze und Zugänge. Estudiantes-Präsident Ahumada jedoch weigerte sich hartnäckig, sprach sogar vom Umzug nach Mendoza, wenn sein Willen nicht durchgesetzt werde. Dabei goss er zusätzlich Öl ins Feuer mit Aussagen wie: Estudiantes sei der Verein des Volkes und Juve bekäme alles von der Provinzregierung zugeschoben. Er muss es wissen, denn vor einigen Jahren war Ahumada noch Präsident von Juventud gewesen.
Nach langem Hin- und Her verzog sich die heiße Luft wenige Tage vor dem Spiel, und das Spiel sollte in La Punta steigen - mit beiden Fanlagern. Die Polizei garantierte mit Hinweis auf den reibungslosen Ablauf in der Hinrunde für die Sicherheit. Wobei die Fans nochmal aufgeklärt wurden, wie man anzureisen habe: die einen aus dem Westen, die anderen aus dem Osten; und was man so ins Stadion mitnehmen dürfe: keine Mate-Utensilien und Thermoskannen und alles, was als Stichwaffe benutzt werden könne usw.. In Sachen Pyrotechnik, ja, da würde man ganz besonders aufpassen, da sei einzig farbiger Rauch erlaubt.
Nur farbiger Rauch sei erlaubt! Sicherheitshinweise, die die Vorfreude schmälern, lesen sich irgendwie anders.
Wenig Derby-Stimmung zu Beginn
Das Stadion Provincial Juan Gilberto Funes liegt nicht in San Luis, sondern etwas außerhalb bzw. oberhalb der Stadt in La Punta. La Punta wurde 2002 gegründet, beherbergt eine Universität und Wohnviertel, die auf dem Reißbrett entstanden. Das Stadion liegt genau zwischen beiden Städten, ca. 20 Minuten Autofahrt vom Zentrum von San Luis entfernt. Für Fans, die keine eigenen Fahrzeuge hatten (die meisten kamen mit dem Auto) wurden nach Fanlagern getrennte öffentliche Busse gestellt. Die Trennung der Fangruppen um das Stadion herum verlief auch planmäßig und problemlos. Interessanterweise konnte man aber innerhalb und vor der Haupttribüne problemlos zwischen beiden Lagern wechseln, obwohl dort auf der Tribüne extra der Mittelbereich aus Sicherheitsgründen frei gelassen worden war.
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn herrschte wenig Derby-Stimmung im Stadion. Weder Stehplätze noch Tribünenbereiche waren voll, nur selten gab es Gesänge. Das sollte sich erst ändern, als die Mannschaften das Feld nach dem Warmmachen verließen und nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff fehlten. Die Trommeln der Barras waren schon zu hören. Beide Barras stimmten sich noch hinter den Tribünen ein und mussten kurz davor sein, auf die Tribünen zu kommen, als plötzlich jemand über das Feld lief und voller Ekstase mit einem Lappen wedelte. Niemand wusste zunächst was los war. Dann erhob sich langsam Geschrei in den Kurven. Bei genauerem Hinsehen erkannte man die Farben Juventuds auf dem Lappen. Die Reaktion erfolgte unmittelbar.
Massenschlägerei als Vorgeplänkel
Die Fans Juventuds versuchten die Zäune zu durchbrechen. Gerade in diesem Moment wollte ihre Barra einziehen, es zeigten sich die Regenschirme, das Getrommel und Getröte wurde lauter - und brach jäh ab. Das Spektakel verlagerte sich rasch an die Zäune. Das gleiche Bild auf der anderen Seite. Und nur wenig später gab es eine Art Massenschlägerei auf dem Feld. Die wenigen Polizisten, die zu diesem Zeitpunkt auf dem Rasen waren, versuchten ihr Bestes, wirkten aber hilflos. So jagten erst die Blau-Gelben die Grün-Weißen, wurde dann über den ganzen Platz zurück gescheucht, bis die Rennerei wieder in die andere Richtung ging. Dazwischen flogen Steine und Sitzschalen. Im Großen und Ganzen sah es dramatischer aus, und klingt vielleicht auch dramatischer, als es war. Nur in zwei bis drei Situationen kam es zu wirklichen Faustkämpfen, der Rest war Gepose und Geschrei. Es gab einen Leichtverletzten auf Seite Juventuds. Bald kam die besser ausgerüstete Einsatztruppe der Polizei und scheuchte mit Gummigeschossen alle zurück auf die Ränge. Es hätte schlimmer kommen können.
Dann wurde verhandelt. Das dauerte. Die Einsatzleiter der Polizei sprachen mit den Barra-Capos, zudem wurden jeweils ein Spieler und die Präsis vor die Kurve geschickt. Man bemühte sich von allen Seiten, das Spiel stattfinden zu lassen. Nach dem sich die Gemüter gelegt hatten, wurden die kaputt gemachten Zäune notdürftig repariert. Dabei war auffällig, dass die Fans von Juventud einen Teil ihrer Kurve räumen mussten, die von Estudiantes, die ja immerhin alles angezettelt hatten, aber nicht. Zwischendurch gab es nun immer wieder Gesänge, vor allem gegen den Rivalen und einige Rauchfackeln und -töpfe wurden gezündet. Das ganze zog sich hin. Die Feuerwehr erfrischte zwischendurch die Fans in der Kurve. Auf der Haupttribüne blieb alles ruhig. Niemand regte sich auf. Es gab Niemanden, der die Kurvenfans beschimpfte. Es schien, als wäre alles, was da abging, das Normalste der Welt. Die Jungs hatten sich ausgetobt, nun wartete man in Seelenruhe, bis die Scherben weggefegt wurden und nutzte die Zeit für ein Pläuschchen über Gott und die Welt.
Schönes Intro
Mit eineinhalb Stunden Verspätung sollte es dann wirklich losgehen. Auch wenn zuvor zwar schon viel verheizt wurde, zeigten beide Seiten zum Intro noch mal reichlich Rauch und Papier. Die Stimmung war vor allem in den ersten Spielminuten sehr gut, auch wenn ein Großteil des Stadions aus Sicherheitsgründen leer geblieben war. Zwischendurch präsentierten beide Kurven ihre Blockfahnen. Dabei hatte Estudiantes einige Probleme, da ihre Fahne mittig verdreht war, was natürlich mit Spottgesängen von der Gegenseite honoriert wurde. Im Laufe des Spiels gab es aber auch häufiger mal Leerlauf auf beiden Seiten. Besonders heiße Duelle Gesangsduelle gab es, als die Grün-Weißen das gestohlene Banner präsentierten. Insgesamt zeigte sich Estudiantes beim Liedgut aber kreativer und abwechslugnsreicher.
Auf dem Platz hatte Juventud die technische Überlegenheit in eine knappe Führung umwandeln können, insgesamt blieb es aber ein Spiel auf mäßigem Niveau. Beide Mannschaften neutralisierten sich gegenseitig und kämpften vor allem mit ihren eigenen Nerven. Wenige Minuten vor Abpfiff plätscherte das Spiel vor sich hin. Die Gäste hatten alles im Griff, es sah nicht danach aus, als sollte noch etwas passieren.
Gepfeffertes Ende
Da sich die Niederlage im Derby abzeichnete, verheizten die Grün-Weißen ihre gesamten Restvorräte an Rauch. Die gesamte Kurve war minutenlang von grünen Schwaden verhüllt, hinter denen sich lautstark die Gesänge erhoben. Das Spiel musste abgebrochen werden, als einige Rauchfackeln auf dem Spielfeld im 16-er landeten. Plötzlich brachen die Gesänge ab, Schüsse waren zu hören. Durch den sich langsam verziehenden Qualm ließ sich allmählich erkennen, dass die Kurve der Estudiantes-Fans nahezu leer war. Auch die Spieler verließen plötzlich fluchtartig das Feld und immer mehr Zuschauer auf der Tribüne verließen diese auf die gleich Art. Dann brachte der Wind die Erkenntnis auf die andere Seite des Stadions – die Polizei hatte nicht mit Pfefferspray und Reizgas gespart.
Das Stadion leerte sich fast vollständig, doch es gab, wie schon vor dem Spiel nicht, keine einzige Ansage im Stadion, was los sei. Von der Tribüne ließ sich erkennen, dass viele Zuschauer sich mit ihren Autos auf dem Heimweg machten. Hinter der Estudiantes-Kurve schoss die Polizei noch ein paar Mal um sich. Das war es dann wohl gewesen mit dem clasico.
Doch wieder nein. Erstaunlich, aber wahr: das Spiel wurde noch einmal angepfiffen und die letzten Minuten wurden zu Ende gespielt. Juventud ließ dabei nichts mehr anbrennen, und die noch verbliebenen Fans feierten euphorisch. Anschließend setzte sich die Karawane mit Hupkonzerten endgültig in Richtung San Luis in Bewegung.
Derjenige, der mit dem Bannerklau alles auslöste, wurde verhaftet. Ansonsten wurden am Tag danach die Begleitumstände des Derbys kaum erwähnt in den lokalen Medien. Was aber auch kaum überrascht, schließlich gehören die beiden größten Tageszeitungen (wie irgendwie alles in San Luis) der Familie Saá, und die ist bemüht, ein sauberes Bild von der Provinz hochzuhalten. Doch das ist eine andere Geschichte.
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Estudiantes 0:1 Juventud Unida Universitaria, Estadio Provincial Juan Gilberto Funes, La Punta (Prov. de San Luis), Sonntag, 23.02.2014, 18:30, 20. Spltg. Zona Sur - clásico puntano
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