Quilombo Xeneize
26.01.2010 - Die Hintergründe für das Aus von Bianchi
Nur wenige Tage vor dem Start der Clausura herrscht bei den Boca Juniors Chaos in der sportlichen Führungsetage. Nachdem vergangene Woche Alfio Basile seinen Rücktritt bekannt gab, musste nun Managaer Carlos Bianchi gehen.
von Christian Piarowski
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Nur wenige Tage vor dem Start der Clausura herrscht bei den Boca Juniors Chaos in der sportlichen Führungsetage. Nachdem vergangene Woche Alfio Basile seinen Rücktritt bekannt gab, musste nun Manager Carlos Bianchi gehen. Die Betreuung der Mannschaft soll Abel Alves übernehmen, der vom Posten des Interimscoachs offiziell zum neuen Trainer befördert wurde. Für Alves geht damit ein Traum in Erfüllung. Er wird ihn nicht lange leben dürfen. Geht es nach Willen der Vereinsfürung, soll Guillermo Barros Schelotto im Juni sein Nachfolger werden.
Krach hinter den Kulissen - Bocas Telenovela
Kaum ist die Nachricht vom Rücktritt Basiles verhallt, sorgt Boca somit erneut für Wirbel und lässt dabei unfreiwillig tiefe Einblicke in Vereinsinterna zu. Schon beim Rücktritt des grummeligen Basiles kamen intrigante Machtkämpfe ans Tageslicht, die schon seit längerem hinter den Mauern der "Casa Amarilla" toben (Siehe Artikel 22.01.2010). Die Posse um die Entlassung von Bianchi fügt nun der Telenovela "Quilombo Xeneize" ein weiteres farbenfrohes Kapitel hinzu.
Der 60-Jährige, der als Trainer in nur fünf Jahren mit den Xeneizes dreimal die Copa Libertadores führte und zweimal den Weltpokal gewann, war in seiner Funktion als Manager medial zu präsent für den Geschmack einiger Vorstandsmitglieder, die selbst gern öfter in der Presse Erwähnung finden würden. Bocas Vorstandsmitglieder suchen nämlich mit Vorliebe die Kameras und Mikrophone. Auf diesem Weg entzogen einige von ihnen "Coco Basile" offen das Vertrauen, so dass dem Trainer mit der Brummstimme nach der enttäuschenden Apertura und den peinlichen Niederlagen in der Vorrunde nichts weiter als der Rücktritt übrig blieb. Der Plan dahinter: So kurz vor Saisonstart würden Bianchi diesmal keine Argumente bleiben, den Wechsel vom Büro auf die Trainerbank abzulehnen. Denn wer sonst kannte die Mannschaft besser und war somit prädestiniert sie in der aktuellen Situation zu übernehmen? Doch "El Virrey" (Der Vizekönig) lehnte wie bereits ein halbes Jahr zuvor energisch ab und bekam postwendend die Kündigung - d.h., offiziell einigte man sich einvernehmlich.
Alles politische Intrige?
Nun fühlt sich Bianchi, genauso wie zuvor Basile, von den Vereinsbossen verraten. In "La Boca" war jedem klar, dass das Angebot des Trainerjobs nur ein Scheinmanöver sein konnte. Denn Bianchi hatte in den vergangenen Monaten Spekulationen über seine mögliche Rückkehr auf die Bank derart regelmäßig verneint, dass man (auch angesichts der Transferausbeute) das Gefühl bekam, in dieser konstanten Negierung bestünde der eigentliche Job eines Boca-Managers. Kurz: Hätte "Der Vizekönig" akzeptiert, er hätte sich unglaubwürdig gemacht. Das "Nein" trotz des angedrohten Rauswurfs war also nur konsequent.
Doch dass die Führungsriege den eigenen Verein kurz vor Meisterschaftsbeginn in eine derartige Bredouille bringt, lässt sich aber nicht allein mit verletzter Eitelkeit bestimmter Personen erklären. Dahinter stecken politische Ränkespiele und Machtkämpfe. Bianchi wurde genau vor einem Jahr von Vereinspräsident Jorge Amor Ameal persönlich eingestellt. Dafür wurde eigens der Posten des Managers geschaffen, der so im argentinischen Fussball bisher kaum zu finden ist. Denn in der Regel agiert der Trainer (Director Tecnico - DT) etwa wie hierzulande ein Sportdirektor allerdings mit verstärktem Fokus auf Training und Aufstellung, während die Finanzen und organisatorischen Aufgaben von reinen Wirtschaftsfachleuten (zumindest in der Theorie) sowie mehreren Personen aus dem Vorstand übernommen werden. Erst in jüngster Vergangenheit wächst in der Primera A die Zahl der Managerposten , wie man sie aus der Bundesliga kennt.
Ameal führte den Managerposten und Bianchi als Amtsinhaber gegen den Willen etlicher Vorstandsmitglieder ein, als Zeichen, wer der Chef im Gelben Haus ist - und als sportliche sowie politische Absicherung. Nun konnte er sich zum einen rühmen, den erfolgreichsten und beliebtesten Trainer Bocas wieder in die Familie geholt zu haben (wenn auch nicht als Coach, aber das konnte ja noch werden), zum anderen wurde ihm so die sportlichen Verantwortung abgenommen. Ein guter Schachzug, denn der Präsident Bocas ist unter Experten nicht unbedingt als Fussballfachmann bekannt.
Dem vorraus gingen Diskrepanzen zwischen Vorstand und Präsident, der die Führungsetage in seiner Zusammensetzung von seinem Vorgänger Pedro Pompilio übernehmen musste und nicht Personen seines Vertrauens um sich versammeln hatte können. Denn der Vorstand wurde noch aufgestellt von Pedro Pompilio, der 2008 wenige Monate nach der Wahl zum Präsidenten verstarb. Ameal, als amtierender Vize, übernahm das Amt und seitdem öffneten sich Risse in der Casa Amarilla, die selbst vom frischen Gelbanstrich nicht übertüncht werden können. Denn natürlich fanden sich Machtmenschen wie José Beraldi und Juan Carlos Crespi nicht mit dem Verlust ihrer Autorität ab, die der Amtsantritt Bianchis bedeutete.
Macri kann es nicht lassen
Bei den turbulenten Streitigkeiten machte dabei zuletzt vor allem ein Name immer häufiger die Runde: Mauricio Macri, seines Zeichen langjähriger Präsident Bocas und derzeit tätig als Bürgermeister und Sonnenkönig von Buenos Aires. Während sich Macri mit seinem ehemaligen Vize und späteren Nachfolger Pompilio nicht immer einig war, scheint er in Ameal einen willfährigen Handlanger gefunden zu haben. In einem Interview mit TyC Sport (der Sender, dem vor der Saison auf Betreiben des Staatspräsidenten Nestor Kirchner, Macris politischer Gegner, die Lizenz für die Fussballberichterstattung trotz gültigen Vertrages gekündigt wurde) forderte (!) MM unmittelbar nach dem Rücktritt Basiles, dass Guillermo Barros Schelotto das Traineramt übernehmen solle.
Ameal suchte daraufhin das Gespräch mit Schelotto. Aber der ehemalige Spieler und Idol des Vereins tat das einzig Vernünftige und lehnte vorerst ab. Schließlich hat "el Melli" gerade erst seinen Vertrag beim MLS-Verein Columbus Crew verlängert, wo er 2008 zum MVP der Liga gekürt wurde. Zudem ist der Zeitpunkt ungünstig, da er weder Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders noch auf dessen Vorbereitung auf die neuen Meisterschaft hatte.
Schelotto flog am Montag zurück in die USA. Doch zuvor einigten sich er und Ameal auf die Übernahme des Traineramtes zur Apertura 2010, sofern der 36-Jährige die Vertragsauflösung bei Columbus durchbringen kann. Nun musste nur noch Diego Cagna vermittelt werden, dass er doch nicht Nachfolger Basiles werden würde, obwohl mehrere Medien bereits den nahen Vollzug meldeten.
Damit bekommt Macri - mal wieder - was er will, nämlich den Mann auf dem Trainerposten, der zur seiner Amtszeit sein erklärter Lieblingsspieler war und den er selbst zur Legende erklärt hat. Was wiederum zeigt, wer der eigentliche starke Mann beim angeblich beliebtesten Verein Argentiniens ist. Ameal hat dagegen seine Machtposition in der Vereinsführung durch die Nähe zum allmächtigen OBM und Ex-Präsidenten gestärkt. Das verbessert für beide die Aussichten bei zukünftigen Wahlen.
"Melli" Schelottos der Trainer der Zukunft?
Andererseits sind bis zur möglichen Rückkehr Schelottos noch gut vier Monate Zeit, und angesichts der Turbulenz der derzeitigen Ereignisse, ist nur schwer vorherzusagen, wann und wie das nächste Kapitel von "Quilombo Xeneize" geschrieben wird.
Für die anstehende Clausura jedenfalls erwarten wohl nur unverdrossen Fans herausragende Dinge von Boca. Fast scheint es, als sei die meisten dagegen froh, dass die Rückrunde aufgrund der WM nur knapp drei Monate dauert. Dann steht ein großer Umbruch an, möglicherweise müssen Riquelme und Palermo gehen, denen eine Teilschuld am sportlichen Abschwung zugeschrieben wird. Die Mannschaft führen wird bis dahin Abel Alves. Ein undankbarer Job, den nicht jeder machen würde, wohl wissend, dass ein Trainer, dessen Abschied bereits feststeht, häufig Autoriätsprobleme in der Mannschaft hat. Doch Alves freut sich nach zwei Interimsposten, endlich eine längere Chance zu bekommen. Und wer weiß, vielleicht bleibt er am Ende ja doch länger.
Das ist das Schöne am Quilombo: Man weiß nie, was kommt.





