Im Zeichen der Zeit: C.B.E. - Zelaya

07.09.2019 - Liga Escobarense

In Escobar trafen nicht nur CBE und Zelaya in der Primera B aufeinander, sondern auch Vergangenheit und Zukunft der Liga.

von Christian Piarowski

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Frühling und Saisonende in der Liga Escobarense de Fútbol waren nicht mehr weit, als in Escobar die Gastgeber der Colectividad Boliviana den Liganeuling Zelaya empfingen.

CBE zählt mittlerweile zu einem alten Eisen in der Liga und ist in der Tat das, was der Name vermuten lässt: ein Verein der Einwanderergemeinde aus Bolivien. Letztere bilden schon seit vielen Jahrzehnten eine der größten Migrantengruppen und Escobar ist traditionell die Stadt mit der höchsten Dichte an Bolivianern in Argentinien.

Ihnen gehören im Umkreis der Stadt eine Vielzahl von Gewächshäusern und Anbauflächen für Obst, Gemüse und Kräutern, mit denen sie einen Großteil des Bedarfs der argentinischen Hauptstadt an diesen Produkten abdecken. Dabei wird zumeist die Ware direkt an die kleinen Gemüseläden in der Stadt geliefert oder an den Großmarkt „Mercado Central“. Es ist folglich auch kein Zufall, dass viele der Obst- und Gemüseläden in Buenos Aires von Menschen mit bolivianischem Migrationsgeschichte betrieben werden.



Die Colectividad Boliviana de Escobar bietet den Einwanderern bereits seit 30 Jahren Raum für Kulturpflege, Zusammenkünfte, juristische Beihilfe und eben auch die Möglichkeit, Fußball zu praktizieren. Das Vereinsgelände hat zahlreiche Plätze darunter auch einige mit Kunstrasen für die Juniorenabteilungen sowie reine Bolzplätze für jene, die lediglich am Wochenende kicken wollen, ohne den Ansprüchen und Reglements folgen zu müssen, wie sie eine Liga wie die Escobarense, die der AFA afiliiert ist, nun mal hat. Cafeteria und Grillplatz samt Verkauf von leckeren Choris gibt es natürlich auch.

CBE war 10 Jahre fester Bestandteil des Oberhauses und zumeist besser platziert als die anderen Clubs aus Escobar, wie Sportivo oder Atlético. Doch im letzten Jahr abgestiegen hat es der Verein diese Saison schwer. Die Primera B hat sich zuletzt in eine Zweiklassengesellschaft veranelt, in der neu aufgenommen, aufstrebende Vereine den Alteingesessenen Konkurrenz machen, diese anhängen und direkt durchzumarschieren versuchen.



Zu einem dieser Vereine gehört auch Zelaya, das aus dem gleichnamigen kleine Ort nahe Matheu stammt, einer Ecke, wo in den letzten Jahren zahlreiche exklusive Barrios Cerrados entstanden sind. Das Männerteam wurde erst vor der Saison mit der Aufnahme in die Liga aufgebaut. Man wollte sich eigentlich langsam entwickeln und stolperte zum Start auch ein klein wenig, doch wurde das Team im Laufe der Saison immer stärker und stand sechs Spieltage vor Schluss vor dem Aufstieg.

Von der Entwicklung zeigten sicht selbst die Vereinsverantwortlichen etwas überrascht, genau wie von der im Umfeld ausgelösten Zuspruchs- und Euphoriewelle. Der Ort liegt unweit von Escobars westlicher Hälfte, derjenigen die vom Zentrum aus gesehen auf der anderen Seite der Autobahn liegt, das „bolivianische Escobar“ also, da, wo sich auch Vereinssitz und Spielstätte von CBS befinden. In Sachen Distanz zumindest war es also ein klein wenig gar so etwas wie ein Derby.



Folglich war es auch wenig überraschend, dass sich etliche Sympathisanten der Gäste einfanden. Einige von ihnen schauten vor dem Spiel mit einem Bier in der Hand trotz massiger Figur und grimmiger Gesichter etwas angespannt und um ihre Sicherheit besorgt. Denn wie andere Einwandergemeinden auch, bekommen Bolivianer gerne die volle Breitseite, wenn mal wieder medial ein Aufschrei ob der bedrohten Sicherheit erfolgt. Bald aber bemerkten sie, dass es auf dem Gelände recht entspannt zuging.

So probte auf einem Nebenplatz eine Karnevalsgruppe in den für Oruro typischen Kostümen. Und den "muchachos" der Colectividad waren das Ligaspiel und eventuelle Gästefans vollkommen egal, kickten sie doch selbst lauthals auf den Bolzplätzen vor kreischenden Mädels und Autos, aus denen laut Cumbia dröhnte. Bier, Umfeld und warmes Vorfrühlingswetter taten bald ihren Effekt. Die dank ihres „Vorwissens“ beunruhigten Gästefans entspannten sich und getrauten sich später gar bei den Toren zu jubeln, obwohl es weder Fantrennung noch Polizei gab. So etwas ist auch beim Amateurfußball in Argentinien nur selten irgendwo möglich – aber eben auch nicht unmöglich.


Auf dem Feld zeigten sich die Gästespieler anfangs gleichfalls etwas nervös, bei ihnen jedoch sorgte scheinbar die Möglichkeit des Aufstiegs für nervliche Anspannung. Diese sollten sie aber bald ablegen und das Spiel an sich reißen. Zu groß waren letztlich technische und spielerische Unterschiede zwischen den Teams. Die Gastgeber kämpften zwar leidenschaftlich und gaben auch nie auf, sahen sich aber bald dezimiert, da der aus Schnelligkeitsdefiziten herrührende berühmte „Schritt zu spät“ gleich für zwei Platzverweise sorgte. Immerhin gelang der Ehrentreffer, doch war das Endergebnis auch in der Höhe durchaus verdient.


Spannende Entwicklung der Escobarense

Die vielen neuen Vereine, wie Roma, La Catedral, La Sonia und andere, die nicht nur immer bessere Trainingsmöglichkeiten stellen und auch Spieler bezahlen können, sondern auch aufgrund von diversen Beziehungen bessere Perspektiven bieten, von einem der Vereine in den AFA-Ligen (Primera C bis Nacional B) verpflichtet zu werden, haben eine neu Etappe in der Liga Escobarense de Fútbol eingeläutet. Traditionsvereine verlieren zunehmend den Anschluss, doch aufgrund des gestiegenen spielerischen Niveaus, wird die Escobarense immer mehr zu einer der attraktivsten Amateur-Ligen in der Provinz.

Ihr traditionelles Einzugsgebiet im Nordwesten und Norden des Großraums, deren Vereine sich entlang von Eisenbahnstrecken und bereits seit Jahrzehnten bestehender Buslinien befinden, macht sie zudem auch wegen ihrer sozialen Heterogenität interessant. So vereint sie Vereine und Publikum aus reichen „Barrio Cerrados“ (umzäunten Vierteln, zu denen man nur mit Anmeldung Zugang erhält) und einfachen bis einfachsten Arbeitervierteln. Den exklusiven Club Nautico Hacoaj aus Tigre und Atlético Torino aus Derqui, beispielsweise, trennen mehr als nur 30 Kilometer Wegstrecke und dennoch finden sie ein Miteinander im Kampf um den Ball auf dem in der Escobarense nicht überall üppigen Rasen.

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C.B.E. 1:3 Zelaya, Predio de la Colectividad Boliviana de Escobar, Escobar (Prov. de Bs.As.-GBA), Samstag, 07.09.2019, 16:00, 20. Spltg., Primera B (2. Liga), Liga Escobarense de Fútbol 2019

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